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Koffein : Sündenfall und Erfüllung - Popgeschichten

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Schadenfreude über Mariah Carey, Rockmusik zu DDR-Zeiten und Pop im Zeitalter der Trainingslager: Musikgeschichten in aktuellen Zeitungen.

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          Mariah Carey geht's nicht gut. Sie war in einer Klinik, ihr Freund hat sie verlassen, und dann auch noch die Plattenfirma. Warum das nicht nur ein Thema ist, sondern mit einer gewissen Genugtuung verbreitet wird, untersucht Rebecca Casati in der "Süddeutschen Zeitung".

          Irgendwann in der Beziehung treuer Fans zu ihrem Star sind diese, sind "wir" in den Worten der Autorin es leid, immer nur zu Jubeln und Platten zu kaufen. Musik, Videos und Gerüchte aus dem Privatleben machen den Fan auf Dauer nicht satt. Dann soll der Star leiden müssen, abstürzen, unsanft zur Besinnung kommen.

          Marktgesetzt und Manipulation

          Frau Carey, in der Beschreibung der "Süddeutschen" ein "Püppchen" der 90er Jahre, stammt aus dem "Jahrzehnt der schönen Stimmen". Zu zart für die Gegenwart 2002, in der andere Püppchen gepierct, tätowiert, wild und wüst, das Sagen und Singen haben. Mariah Carey eine Modeerscheinung? In der Popkultur mit ihren kurzen Halbwertszeiten, ihrer schnellen Folge von Verwandlung oder Verfall ist das keine Überraschung.

          "Wissen wir, warum wir Mariahs CD weniger lohnend finden? Warum wir etwas kaufen und etwas anderes nicht?", fragt die Autorin der "Süddeutschen" sich und den Leser. "Nein. Wir wissen gar nichts." Zu Beginn des Textes mit dem schönen Titel "Das Pleitenpechundpannenpüppchen" stellt sich Casati einen vergnügt lachenden Plattenboss vor, Tommy Mottola von der Firma Sony, die Carey gerade erst verlassen hatte, um zur Konkurrenz, zu EMI zu wechseln, zu eben der Plattenfirma, die sich jetzt mit einem Zigmillionen-Angebot aus dem Vertrag mit Mariah Carey freikaufen wollen. Am Ende ist es wieder Herr Mottola, nach dessen Lachen die Autorin fragt. Düster ist die Gegenwart.

          Brause zwischen den Sets

          Dass es früher auch nicht besser, in Wirklichkeit aber viel besser war, erzählt der Schauspieler Henry Hübchen im "Tagesspiegel". Trotz des Gitarren-Engpasses damals in der DDR, als alle Jugendlichen Gitarre spielen wollten, hatte er sich ein Instrument besorgt und bei den "Sham Rocks", später umbenannt in "Globe Trotters" gespielt. Nach dem Namen hat ehedem übrigens keiner gefragt. Und: "Das eigentliche Ziel waren die Mädchen." Das Aussehen war wichtiger als die Songs, nur tief musste die Gitarre hängen.

          Auftritte in der eigenen Schule und um Berlin herum, immer drei Titel spielen, dann eine Brause am Kappell-Tisch trinken, dann wieder drei Titel spielen. Irgendwann die Einsicht, dass es mit dem Talent nicht so weit her ist. Mit dem Fleiß ohnedies nie war. Die Zweitgitarre an einen Profimusiker verkauft. Die erste, die aussah wie die von Harrison, ist verschütt gegangen.

          Pop aus dem Trainingslager

          Nichts Geringeres als eine Veränderung der Ethik des Pop ist es, was die "Süddeutsche" diagnostiziert. Ein Blick durch die Jugendzeitschriften, die die "Popstars"-Band Bro'Sis bei ihren ersten Konzerten begleitet haben, legt nahe: An die Stelle von Überfluss, Ausschweifung und Verschwendung als zentrale Kategorien des Pop ist ein "Genussverbot" getreten. Die Jungs und Mädels der Retortenband hetzen von einem Termin zum anderen und sind zwischendurch einmal so müde, dass sie sogar beim Duschen fast einschlafen. Leitbegriff eines "Bravo"-Sonderheftes zur Band, das jüngst erschienen ist: Disziplin. Aus Pop ist eine "Disziplinarmaschine" geworden, wie die "Süddeutsche" feststellen muss.

          Wo vor zehn Jahren noch "eher eine betonte Lässigkeit, eine Art glamourös-provokativer Schlaffheit" das Erkennungszeichen einer Pop-Performance war, sind es heute einstudierte Choreografien. Training statt Begnadetheit. Anstrengung statt Ausschweifung. Oder, in den Worten der "Süddeutschen": "Pop ist nicht mehr die latente Sünde, sondern im Gegenteil die Sphäre der Erlösung für all jene, die sämtliche Entbehrungen geduldig auf sich genommen haben."

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