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Koffein : Schuld und Unschuld, Sehnsucht und Sühne

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Was Literaturkritiker unmittelbar vor der Buchmesse machen? Sie schauen nach vorn, zurück oder in die Runde. Und seufzen. Eine Medienschau.

          Womit die Literaturkritiker die letzten Tage vor der Leipziger Buchmesse verbringen? Hinter den Kulissen werden letzte Verabredungen für die vier Tage in Leipzig getroffen oder bestätigt, manch einer liest noch heimlich, was längst gelesen sein sollte, der Inhalt des Kulturbeutels, unentbehrliches Reise-Necessaire, wird auf Vollständigkeit geprüft.

          Derweil die Zeitungen drucken, was die Kenner von Zeilen und deren Zwischenräumen - je nach Gusto, Temperament und Vermögen - in den letzten Tagen über die Literatur und ihre Erzeuger im Allgemeinen und im Besonderen gedacht haben.

          Rückblick, Umschau, Ausblick

          Die allgemeine Prosa besteht im Ganzen aus drei Teilen, dem Rückblick, der Bestandsaufnahme oder Umschau und dem Vorbericht. In Rückblicken wird schon mal nach der wichtigen Literatur der vergangenen 20 Jahre gefragt und der Verfall literarischer Werte und Qualität beklagt - oder die Ignoranz des Eigenwertes der aktuellen Produktion. Man findet, früher sei eben alles besser gewesen - oder auch nicht.

          Die Bestandsaufnahme arbeitet sich entweder durch, von Buch zu Buch, mit dem einen oder anderen Seitenblick in die Runde. Oder sie fährt die Literaturgeschichte auf, um wenn schon nicht die Gegenwart daran zu messen, dann doch zumindest aus ihrem Anekdoten- und Zitatenschatz zu schöpfen bei ihrem Blick ins Hier und Jetzt. Derart eröffnet die „Süddeutsche Zeitung“ ihre Literaturbeilage, auf die erst genannte Art und Weise verfährt zum Beispiel die „Berliner Zeitung“.

          Mutlos aber allgegenwärtig

          Die „Tradition der Selbstreflexion“ sei zum Stillstand gekommen, diagnostiziert die „Süddeutsche“ nach einführenden Ausführungen über Heinrich Heine und seine Polemiken gegen die Kollegen, der Literatur sei „die Kraft zur Kritik an den eigenen Werken abhanden gekommen“. Belegt mit Zitaten aus literaturwissenschaftlichen Kreisen, stellt die Zeitung fest, dass es zudem keine „gesellschaftliche Integration durch Kunst“ mehr gebe, auch nicht durch Literatur. Wiewohl das Aufkommen an Lesungen, Preisverleihungen etc. im deutschen Literaturbetrieb nie größer war. Und gerade weil die politische Relevanz der - oder gar die Möglichkeit politischer Einflussnahme durch - Literatur derzeit abwegig genug erscheint, werden die Dichter auch schon mal ins Kanzleramt geladen.

          Reporterhaft schnell und gegenwärtig wirkten die Schriftsteller, ihrer Literatur allerdings fehle, „was die Literatur über zwei Jahrhunderte begleitete: der Mut zum Urteil, zur These, zur Theorie“.

          Debattenverlust

          Urteil, These oder Theorie fehlt auch dem Artikel in der „Berliner Zeitung“. Er hangelt sich von Buch zu Buch, eröffnet jedoch immerhin mit einer Bemerkung, die den Hinweis lohnt: Die so genannten „großen Namen“ des Literaturbetriebs seien in diesem Jahr aus dem Messerummel herausgehalten worden, die Bücher von Handke, Grass und Wolf schon im Vorfeld erschienen. Dass alle größeren Feuilletons ihre Rezensionen bereits mit Ende der Sperrfrist veröffentlicht hätten, würde auch eine Debatte behindern, die sogar bei einem „so extrem gegensätzlich beurteilten Buch“ wie dem „Bildverlust“ Peter Handkes ausgeblieben sei.

          Feiern und Preisverleiern

          Die „Frankfurter Rundschau“ stellt die anstehende Buchmesse als eine Abfolge von Feiern und Preisverleihungen vor. Auf den Eröffnungs-Festakt folgen feierliche Verleihungen des „Europäischen Buchpreises zur europäischen Verständigung“, des „Kurt-Wolff-Preises für Kleinverleger“. des neu geschaffenen „Preises der Literaturhäuser“, bis schließlich der erstmals vergebene „Deutsche Bücherpreis“ den Festreigen krönend abschließt.

          Bei diesem „Bücher-Oscar“ wird es keine Überraschungen geben, höchstens Pannen. Auch wenn mit Frank Elstner ein Altmeister eben nicht des Literaturbetriebs, sondern des Showbusiness die Moderation der Fernsehgala übernehmen wird. Die „Rundschau“ weiß es schon jetzt: Trotz aller Vorbehalte gegen dieses Event werden schließlich alle kommen, „um die schöne alte Unschuld des Leselands Deutschland in einem kollektiven, provinziellen Medienrausch zu beerdigen“.

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