https://www.faz.net/-gqz-6pvkb

Koffein : Musterdeutscher, Selbstbehaupter, Untertitan, Drive von der Tankstelle

  • Aktualisiert am

Zu seinem 100. Geburtstag ringen die Zeitungen um Worte. Wie beschreibt man das Phänomen Heinz Rühmann? Eine Medienschau.

          1 Min.

          Zu Rühmanns Hundertstem greift beim „Tagesspiegel“ der Herausgeber selbst in die Tasten. Hellmuth Karasek beschreibt Rühmann als einen verspäteten Anarchen.

          Neben Hans Moser „und vielleicht noch ein bisschen Theo Lingen“ zählt er Rühmann zu den wenigen erlaubten Filmkomikern seiner Kindheit. Doch während der Wiener Moser in seinen Rollen stets „ein Stück Nestroy, also die blanke Anarchie“ versteckte, durfte es bei Rühmann zu diesem „glücklichsten Fall“ der Komik nie reichen. Er habe seine Zuschauer zum Schmunzeln - einem Zeichen distanzierten Einverständnisses - gebracht, nicht zum befreienden Lachen. Erst um Fünf nach Zwölf sei der Schauspieler doch noch zum Anarchen geworden, in seiner Rolle als „Hauptmann von Köpenick“ aus dem Jahr 1956: Rühmann als „großartig traurig komischer Held“.

          Ignoranz statt Opportunismus

          „Diejenigen, die an der Macht sind, mögen Rühmann immer“, sekundiert ein zweiter Text in der Online-Ausgabe des „Tagesspiegels“ dem Beitrag Karaseks. Von Hitler und Goebbels über Ulbricht bis Kohl reiche die Reihe der Fans des Schauspielers. In seinen Rollen sei von Rühmann, trotz seiner Frechheit, nie eine Gefahr für die Obrigkeit ausgegangen. Aber Pfiffigkeit, Witz und Würde machen die Figuren Rühmanns auch bei den Machtlosen beliebt, machen Rühmann zu einem „Untertitan“.

          Auf eine „gespenstische Weise“ sei Rühmann sein ganzes Leben lang unpolitisch gewesen. Einen Opportunisten könne man ihn aber deswegen nicht nennen. Eher einen Ignoranten.

          Motorisiert

          „Einen Motorisierten“ nennt die „Süddeutsche Zeitung“ den Schauspieler. Als Bruchpilot, als einer von der Tankstelle - „Motorräder, Sportwagen, Flugzeuge bestimmten sein Leben“. Auch heute noch wirkten viele seiner Filme „unerwartet modern“. Wim Wenders, der Rühmann 1993, im Jahr vor dessen Tod, seine letzte Kinorolle geschenkt hatte, habe Recht behalten: Im Film „In weiter Ferne so nah“ spielt Rühmann einen greisen Chauffeur, und Wenders habe noch einmal „den jungen Drive im alten Rühmann“ reaktivieren können.

          Er habe keinen Siegertyp verkörpert und am Ende doch gesiegt, seine Fehlbarkeit habe ihm niemand krumm genommen, er sei verführbar gewesen und habe doch zugleich ein kleines bisschen widerstanden, schreibt das „Göttinger Tageblatt“. Die Deutschen hätten sich in Rühmann wiedererkannt. Das amerikanische Publikum hingegen hätte sich „mit so einem zweifelhaften Helden wohl kaum auf Dauer identifiziert“. Im Kino sei Rühmann ein Musterdeutscher gewesen.

          Weitere Themen

          «Gabriel» von George Sand Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung : «Gabriel» von George Sand

          Jella Haase, bekannt aus „Fack ju Göhte“ und „Berlin Alexanderplatz“, entdeckt unter der Regie der jungen Regisseurin Laura Laabs die Abgründe des kapitalistischen Systems und das anarchistische Wesen des weiblichen Geschlechts in einem bislang noch nicht uraufgeführten Text der französischen Schriftstellerin George Sand.

          Warten auf Weihnachten

          Kunstauktionen in Wien : Warten auf Weihnachten

          Im Dorotheum und bei Kinsky kommt alte und neue Kunst zum Aufruf. Von Jan Brueghel bis zu Christo reicht das adventliche Angebot.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.