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Koffein : Kunstkniffe, Rückgriffe

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An diesem Mittwochabend werden die Filmfestspiele von Cannes eröffnet, und die Zeitungen finden Gründe, schon jetzt an die Cote d'Azur zu blicken.

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          An diesem Mittwochabend eröffnen die 55. Filmfestspiele von Cannes, und darüber möchte man natürlich schon am Morgen zuvor alles in der Zeitung lesen. Das ist leichter gewünscht als erfüllt, und so behelfen sich die deutschen Feuilletons mit dem einen oder anderen Trick.

          Die „Tageszeitung“ verweist auf Jorge Luis Borges, der einst seinerseits aus „jener mittlerweile recht berühmten chinesischen Enzyklopädie“ zitierte. Parallel zu der immer mehr ins Abstruse abgleitenden Aufzählung in der Enzyklopädie angeführter Tiere führt die Zeitung die auf dem Filmfestival gezeigten Filme an. Hier die schönsten Kategorien: „c) Filme, die auf einer Leinwand über dem Meer zu sehen sind, d) Filme, in denen Joe Dallessandro Brust und Bein zeigt, e) Filme, die unausgeschlafenen Kritikern um 8.30 Uhr am frühen Morgen präsentiert werden, f) Filme aus der Türkei, Brasilien, Thailand, Algerien, Argentinien, Israel, Syrien, Libanon, Mauretanien, Tadschikistan und Palästina“.

          Muss das sein?

          Die Frage nach dem Must von Cannes beschäftigt nicht nur die Konkurrenz der unzähligen großen und kleinen Filmfestspiele dieser Welt oder die vergrätzten deutschen Filmlobbyisten, die wieder einmal nur auf eine Produktionsbeteiligung oder einen Beitrag im Begleitprogramm hinten unten verweisen können. Die „Berliner Zeitung“ verweist auf das Filmfachblatt „Moving Pictures“, das bereits vor zwei Jahren die „Gretchenfrage“ gestellt habe: „Zählt Cannes überhaupt?“

          Um die Bedeutung des Rummels an der Cote d'Azur zu verdeutlichen, wählt die Zeitung den Vergleich mit einem Eisberg, am besten gleich mit dem, der damals zum Verhängnis der Titanic wurde. „Wettbewerb sowie Nebenreihen des Festivals bilden nur die kleine Spitze, die über dem Untergeschoss thronen darf, in dem 1.067 Filmfirmen einen schwunghaften Handel treiben - wieder zehn Prozent mehr als im vergangenen Jahr.“

          Zusätzlicher Kick

          Die „Frankfurter Rundschau“ nennt es einen alljährlichen „Kraftakt“ an der Croisette, „die nirgends sonst so vollzählig angetretene Filmwirtschaft mit der Filmkunst zu versöhnen“. Zu diesem Zweck empfange man die Besucher mit einem ganzen „Bouquet von Hommagen und kleinen Retros“. Besondere Erwähnung findet das Vorhaben, die Wettbewerbsbeiträge aus dem Jahr 1939 einer Jury aus Leitern anderer Filmfestivals vorzustellen. Damals war die geplanten ersten Filmfestspiele von Cannes wegen des Krieges kurzfristig abgesagt worden.

          Dem American Jewish Congress wäre es, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, wohl am liebsten gewesen, wenn die amerikanischen Cannes-Pilger ihre Reise in diesem Jahr ebenfalls kurzfristig abgesagt hätten. Nach Art der Reklame für Oscarfilme habe die Organisation in den Filmblättern „Variety“ und „Hollywood Reporter“ Anzeigen geschaltet, in der vom Besuch eines Landes abgeraten wird, dessen Vergangenheit vor 60 Jahren sich „auf eine schlimme Weise wieder bemerkbar machte: jüdische Friedhöfe, die geschändet werden, Synagogen, die angezündet werden, eine unverhohlen antisemitische Stimmung, in der statt Heil Hitler ein kräftiges Vive Bin Laden zu hören sei“.

          Französische Intellektuelle hätten diesen Vergleich wenige Tage später empört zurückgewiesen. Immerhin habe dieser „Sturm im Wasserglas“ der Eröffnung der Filmfestspiele an diesem Mittwochabend jedoch „einen zusätzlichen Kick“ verschafft“.

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