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Koffein : Kirchgold

  • Aktualisiert am

Bauer kauft sich bei Kirch ein: Der größte deutsche Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 wechselt damit den Besitzer.

          Der größte deutsche Fernsehkonzern ProSiebenSat.1 hat nach langer Durststrecke nun mit dem Bauer Verlag einen Käufer gefunden, von dem es in München heißt, er sei der Wunschpartner.

          Bei einem Verkauf an die Investment-Bank Lehman Brothers oder an ausländische Medienunternehmen, wie die französische TF1 oder Berlusconis Mediaset hätte dies womöglich anders ausgesehen. Nach der Pleite der Kirch-Gruppe war lange nicht klar, zu wem der Fernsehkonzern künftig gehören würde. "Wir sind mit dieser Lösung sehr zufrieden", sagte nun gestern ein Sprecher in München.

          Am besten wäre es, scherzte der Konzernchef Urs Rohner, wenn in Bauers Programmzeitschriften dann künftig nur noch die Sender Pro Sieben und Sat.1 erwähnt würden. Dabei ließ er RTL 2, woran Bauer bereits beteiligt ist, freilich unter den Tisch fallen. Nichts zuletzt wegen RTL 2 gilt die neue Macht aus dem kühlen Norden den Medienwächtern als nicht ganz unproblematisch. Der Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems hob zwar hervor, dass er nicht mit kartellrechtlichen Problemen rechne.

          Die Kommission zur Ermittlung der Konzentration im Medienbereich werde den Anteilserwerb auf die "Vermutung vorherrschender Meinungsmacht" hin zu prüfen haben, sagte indes der KEK-Geschäftsführer Bernd Malzanini. Der Staatsvertrag erlaubt den Sendern eines Unternehmens, maximal 25 Prozent der deutschen Zuschauer zu erreichen, was allein schon den bisherigen Kirch-Sendern Pro Sieben, Sat.1, Kabel 1 und N24 gelingt. Würde Bauer seine RTL 2-Beteiligung verkaufen, stünden auch die drei bis vier Prozent überflüssiger Zuschaueranteile nicht mehr im Weg.

          Der Bauer Verlag soll sich zusammen mit der Hypovereinsbank den Deal angeblich zwei Milliarden Euro kosten lassen. Ein Coup, der den mitbietenden Axel-Springer-Verlag etwas überraschte. Vor allem was die Zügigkeit der KirchMedia-Gläubiger anlangt. Und dennoch fühlt man sich hier - wie übrigens auch beim Spiegel Verlag, der den Vorgang prüfe, wie das Unternehmen mitteilt - noch keinesfalls aus dem Boot geworfen. "Wir waren angesichts des Zeitplans nicht in der Lage, ein verbindliches Angebot auf den Tisch zu legen", gibt Springer-Sprecherin Edda Fels unumwunden zu, um gleich auf eine andere Baustelle ihres Hauses zu verweisen.

          Derzeit ist Springer vor allem mit den Verhandlungen über eine sogenannte "strategische Partnerschaft" beschäftigt, die einer Vermählung mit dem Schweizer Ringier-Verlag gleichkommt. Dahinter verbirgt sich eine Überkreuzbeteiligung, wobei Springer Ringier kauft, der wiederum mit dem erworbenen Geld Kirchs Vierzig-Prozent-Paket kaufen kann.

          Im Fernsehgeschäft begreift Springer den neuen Mehrheitseigentümer Bauer noch immer als Partner, wenngleich man sich keinesfalls in die Juniorrolle gedrängt sehen möchte. Gespräche würden in Ruhe und ohne Zeitdruck geführt. Für den Gesellschafter der Senderkette ProSieben Sat.1 gehe es jetzt darum, die Sendeanteile von 11,5 Prozent zu "attraktiven Konditionen" aufzustocken. Sollte dies nicht möglich sein, könne immer noch über einen totalen Ausstieg nachgedacht werden. "Wir sind also weiterhin ein attraktiver Gesprächspartner und werden dies auch zu nutzen wissen."

          Harte Zeiten kommen nichtsdestotrotz auch auf die Sendergruppe ProSiebenSat.1 zu. Der Werbemarkt im deutschen Fernsehen wird voraussichtlich auch in diesem Jahr nochmals zurückgehen. Harald Schmidt aber hat schon vorsorglich zu Protokoll gegeben, in Reminiszens an München nur mehr Lodenmantel zu tragen. Sein musikalisches Reportoire aber hat er schon auf Hamburg eingestimmt, mit dem Shanty "Ick häb mol in Hamburg een Veermaster sehn". Besonders gefiel ihm die Stelle: "There is plenty of Gold, so I have been told, on the banks of California".

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