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Koffein : Heute auf Arte: 50 Jahre „Bild“

  • Aktualisiert am

„Arte“ widmet „Bild“ zum 50. Geburtstag ein Porträt. Heute abend um 22.15 Uhr.

          Ein Händler verkauft auf der Straße eine Zeitung. Sie wird ihm fast aus den Händen gerissen.

          Dazu ertönt Rockmusik. Ein Passant kommt zu Wort: Sie sei immer aktuell, nette Frauen gebe es da jeden Tag zu sehen. Schnitt, ein ehemaliger Fotoreporter kommt zu Wort. Er sagt: Wir waren suspekt, wir waren das Schmuddelhäppchen. Ex-Chefredakteur, Peter Boenisch, behauptet: Bevor die Cocktail-Häppchen erfunden wurden, wurde diese Zeitung erfunden. Und Hans-Hermann Tiedje, ebenfalls Ex-Chefredakteur, schwärmt: Mit einer Reichweite von 11 Millionen Lesern sei Bild der Supertanker schlechthin. Dann kommt ein Kritiker zu Wort: Grünen-Politiker Rezzo Schlauch sagt, man müsse gegen diese Zeitung Politik machen. Einen hat man schon erwartet: Günter Wallraff. Er klagt über die Übermacht der Zeitung. Worüber die Befragten sich so überzeugt äußern, ist eine Zeitung, die niemanden kalt lässt: „Bild“.

          Am 24. Juni feiert „Bild“ seinen 50. Geburtstag. Aus diesem Anlass widmet „Arte“ dem Blatt heute abend ein Porträt. Bieder ist die Bild-Sprache dieses Beitrags, erfreulich immerhin, dass nicht die üblichen Vorurteile recycelt werden. Man hört Respekt für „Bild“ aus dem Beitrag heraus.

          Vielleicht spielt da mit, dass vermeintlich moderner gemachte Zeitungen wie die “Woche“ sang- und klanglos untergingen, und man da dem unverwüstlichen Schlachtross „Bild“ die Bewunderung nicht versagen kann. Auch liegen die ideologischen Grabenkämpfe der späten 60er und 70er, lange Zeit Anlass für kulturkritische Schelte gegen „Bild“, lange zurück. Der Fall der Mauer war auch für „Bild“ eine Wende. Kurz darauf wurde Bundeskanzler Helmut Kohl auf der Titelseite als Umfaller angeprangert. Schließlich wirkt „Bild“ im Vergleich mit den publizistischen Stimmen der Spaßgesellschaft fast wie eine staatsbürgerliche Einrichtung, zumindest versteht sie sich als Anwalt von Bürgerinteressen (siehe: Teuro-Debatte).

          Enttäuscht über Chruschtschow

          Botros unterschlägt nicht die Zeit der Kalten Krieger, als „Bild“ gegen die Studentenrevolte Position bezog. Woher die politischen Überzeugungen Springers kamen, das belegt der Beitrag gut: Ein enttäuschender Besuch bei dem sowjetischen Parteichef Chruschtschow machte ihn zum eingefleischten Anti-Kommunisten.

          Der antikommunistische Geist wehte noch bis Mitte der 90er Jahre vielleicht nicht durch das Hamburger Springer-Hochhaus (damals Sitz von „Bild“), aber durch das Berliner, wo in der „Welt“ eine Handvoll wackerer Kämpfer den Kampf gegen linke Umtriebe fortsetzte. „Bild“ hatte da längst den Kurs gewechselt. Dass die Autorin des Beitrags, Mona Botros, ausgerechnet den TV-Moderator Johannes B. Kerner über „Bilds“ politische Kampagnen wettern lässt, ist aber ein Fehlgriff, steht doch Kerner im Verdacht, mit Verona Feldbuschs Tränenauftritt einen PR-Coup inszeniert zu haben, der nur ein Ziel hatte: die Titelseite von „Bild“.

          „Nicht schüchtern“

          Ein weiteres Credo von „Bild“ ist die Verkäuflichkeit: Jedermann, sagt Springer an einer Stelle, wisse, dass die „Bild“-Zeitung nicht schüchtern sei und dass sie holzschnittartig formuliere. Einer Minorität von Ästheten gefalle das nicht. Aber in toto komme es glänzend an. So ist es bis heute.

          Um den Massengeschmack zu treffen wurde auch schon mal ein politischer Hardliner an der Spitze von einem „Bravo“-Chef (Boenisch) abgelöst. Er sollte mehr Leichtigkeit ins Blatt bringen.

          Eine interessante Beobachtung des Beitrags lautet, dass Bundeskanzler Gerhard Schröder von „Bild“ überraschend nachsichtig behandelt wird. Hier hätte die Autorin ruhig nachfragen können, woran das liegt. Sie erschöpft sich in der oberflächlichen Diagnose, dass der Medienkanzler wohl gut zu diesem Medium passe.

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