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Koffein : Hamburg: „Merian“ lässt lieben

  • Aktualisiert am

Die Reisezeitschrift „Merian“ hat vor die eigene Haustür geguckt: In ihrem neuen Hamburg-Heft lässt sie lieben und klärt auf, über „Aal binn“ und Övelgönne.

          Natürlich interessiert sich jeder Zugereiste in Frankfurt, der Stadt der Grünen Soße, für die Vielkräuterrezepte dieser Welt. Neun Kräuter mindestens müssen zu jener Soße verrührt werden, bei deren Nennung die stolzen Frankfurter gern auf ihren Goethe verweisen. Der soll sie nämlich auch schon gemocht haben.

          Traditionell am Gründonnerstag wird jene Soße aus Sauerampfer, Borretsch, Liebstöckel, Kerbel, Petersilie, Pimpinelle, Schnittlauch, Dill und (etwas) Salbei gereicht, am besten zu Brat- Salz- oder Pellkartoffeln.

          Nicht weniger als acht Kräuter, informiert die in Hamburg erscheinende Reisezeitschrift „Merian“ in ihrem in diesen Tagen veröffentlichten neuen Heft über ihre Heimatstadt, gehören in die „Aal binn“ genannte essigsaure Suppe, die die stolzen Hamburger zu ihren Spezialitäten zählen. Mit Frankfurt, sieht man auf den ersten Blick, hat Hamburg wenig gemein: Gerade einmal Kerbel, Borretsch, Petersilie und Liebstöckel werden in beiden Städten verwendet. Zwiebelkraut, Zitronenmelisse, Estragon und Tripmadame (der Name erinnert bereits an die legendäre Reeperbahn der nördlichen Hafen- und Matrosenstadt) bleiben allein der Hamburger Suppe vorbehalten.

          Sehr speziell

          „Aalsuppe“, „Alles drin“ bedeutet „Aal binn“ aus dem Plattdeutschen übersetzt, und tatsächlich fehlen weder Backobst und Birnen noch die kleinen Schwemmklößchen. Nur Aal findet man selten in der Suppe, wie die Zeitschrift aufklärt.

          Dass gerade in Zusammenhang mit den so genannten Hamburger Spezialitäten wohl noch einiges an Aufklärungsarbeit geleistet werden muss, hat der „Merian“ erkannt. Dass Labskaus zum Beispiel, jener suspekte Seemannsbrei, den man auch „Schass' dick wünnern, wat do aal binn is'“ nennen könnte, zum Glück jedes Hamburgers gehörte, wird als Unterstellung zurückgewiesen. Es ist nur ein Klischee. Man isst es bestimmt allenfalls unterwegs auf See. Und auch da nur im Notfall.

          Aus Prinzip

          Hamburg wird gern als „Tor zur Welt“ apostrophiert, und für eine Reisezeitschrift wird der Blick unmittelbar vor die eigene Tür auch keine leichte Übung sein. So hat die Redaktion die unerlässlichen Liebeserklärungen, und von denen fließt das Heft nur so über, den Reisenden überlassen, jüngst Zugezogenen wie dem Schriftsteller und Dramaturgen John von Düffel, kürzlich Abgereisten wie der neuen Kulturstaatsministerin Christina Weiss, die zehn lange Jahre als Kultursenatorin in der Stadt der Senatoren tätig war, oder vor zehn Jahren schon Ausgezogenen wie dem jetzt in Berlin lebenden Journalisten Jakob Augstein, einem gebürtigen Hanseaten, der sich von seiner Frau unverstanden fühlt.

          Aus Heimweh - Augstein selbst würde es („Hamburg ist eine Geisteshaltung“) vermutlich zumindest „Prinzip“ nennen - weigert sich der Neu-Berliner, sein Auto umzumelden und damit das Hamburger Kennzeichen abzugeben. Dass Hamburg auch mit Berlin nicht zu vergleichen ist, erläutert Augstein wortreich, und kommt zu dem Ergebnis: „Entwurzelung ist der Berliner Dauerzustand, so wie Selbstgewissheit der Hamburger ist.“

          Im Vertrauen

          Einer so entschiedenen Parteinahme sollte sich die Neu-Berliner Kulturpolitikern Weiss enthalten. Und so zeiht sich die Kunstbegeisterte mit Faible für die Moderne auf einen anderen Vergleich zurück: Sie sieht den Hamburger Hafen, dem die Stadt der Pfeffersäcke gern den Rücken kehrt, durch die Brille der zeitgenössischen Kunst, entdeckt Serielles und Kinetisches, wähnt physikalische Gesetze aufgehoben und freut sich auf ein geplantes Hafen-Museum.

          John von Düffel schließlich, bei Erscheinen seines ausgezeichneten Romans „Vom Wasser“, einer Binnenlanderzählung allerdings, immer wieder als begeisterter Schwimmer vorgestellt, präsentiert sich im „Merian“-Heft als ebenso begeisterter Langstreckenläufer am Wasser. Am Museumshafen von Övelgönne vorbei, wo am Elbstrand vor der „Strandperle“ bei schönem Sommerwetter „Aal buuten“ sind, läuft der Ausdauernde an der Elbe entlang. Er liebt die Elbe. Viel Zeit müsse man mit diesem Fluss verbracht haben, schreibt von Düffel, bevor man das recht habe, von ihm zu reden. Inzwischen scheint es ihm, als könnte er sich, wenn er wollte, „mit dem Ellenbogen auf sie stützen. Das weiß ich. So war dieser Fluss von Anfang an. Immer da.“

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