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Koffein : Feridun Zaimoglu: Meine erste Buchmesse

  • Aktualisiert am

Schnupfengefahr, Brezelattacken und frustblasse Kolleginnen: Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu findet die Buchmesse ganz fürchterlich.

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          Die Buchmesse als solche - wer schon einmal dort war, mag es bestätigen - ist eine ziemlich fürchterliche Veranstaltung. Es ist heiß, es ist eng, es ist lärmig, und wenn man einen dringenden Termin hat, kann man sicher sein, dass man wegen der verschlungenen, verstellten Wege zu spät kommt. Erträglich wird die Gesamtveranstaltung allein durch kleine Details am Rande, eine interessante Autorenlesung vielleicht oder die geplante oder zufällige Begegnung mit einem alten Bekannten, mit dem man zwischen zwei Terminen einen Kaffee trinken kann.

          Und wie ist es für die Schriftsteller, deren großes Fest die Messe ja sein soll? Genießen sie die Aufmerksamkeit, das Erkanntwerden in den Gängen, den hautnahen Kontakt mit ihrem üblicherweise so fernen Publikum? Keineswegs. Glaubt man dem Autor Feridun Zaimoglu, der durch seinen Roman „Kanak Sprak“ bekannt wurde, dann fühlt sich der Schriftsteller auf der Buchmesse nicht besser als der gemeine Besucher. Um genau zu sein, eher noch schlechter.

          Teebeutel und Wollsocken

          Die „Berliner Zeitung“ hat Zaimoglu gebeten, zur Eröffnung der Messe einen Messeeröffnungstext zu schreiben, und so erinnert sich Zaimoglu an seinen ersten Messebesuch vor acht Jahren. Begeistert sei er gewesen, im Vorfeld jedenfalls, und habe „die Ratschläge der alten Hasen“ in den Wind geschlagen: Die empfohlenen „Vitamindrops, Kopfschmerztabletten, Halsbonbons, Teebeutel, dicke Wollsocken, handliche Deoroller und Papiertaschentücher“ wollte er nun wirklich nicht mitnehmen auf die Messe.

          Was Zaimoglu sein Rebellentum bescherte, der Leser ahnt es schon: einen dreiwöchigen Schnupfen. Doch das ist längst nicht die einzige Gefahr, der sich ein Literat auf der Buchmesse ausgesetzt sieht. So berichtet Zaimoglu von dem Kollegen, der sich an einem Salzstreusel seiner Brezel eine Backenzahnplombe herausbiss. Oder von seinen gescheiterten Versuch, eine Verlagsfete in einer Bierbrauerei zu besuchen, weil der Türsteher ihn nicht hereinlassen wollte. Sowie von der Autogrammjägerin, deren Zorn er sich zuzog, als er ein ihm hingehaltenes Buch signierte - das aber, wie sich herausstellte, ein ganz anderer geschrieben hatte. Die Dame hatte ihn verwechselt.

          Subventionsprosa aus Österreich

          Auf der Buchmesse finden sich, das ist bei Großveranstaltungen so üblich, allerlei Kuriositäten, und weil Zaimoglu wohl gespürt hat, dass die Zeitung sich von ihm „was Lustiges“ erhoffte, sucht er für das Kuriose möglichst kurios anmutende Beschreibungen. So stabreimt er vom Aufgebot der „Sonderlinge, Salonbarbaren und trillernden Saisonspatzen“, von den „Remittendenschacherern“, die man stets an ihrem breiten Grinsen erkenne, von dem Podium, auf welchem er sich neben „acht schwarz vermummten Österreicherinnen“ wiederfand, die allesamt „frustblasse Subventionsprosa“ vortrugen.

          Das Genre des Buchmesseneröffnungstextes ist kein besonders dankbares, und Feridun Zaimoglu zieht sich so einigermaßen aus der Affäre. Seine Selbststilisierung als junger Wilder im arriviert-snobistischen Literaturbetrieb ist nicht sehr originell, seine Pointensammlerei etwas ermüdend, seine Beschreibung der Messe als „Oktoberfest der Literatur“ allzu naheliegend. Die wirkliche Überraschung aber kommt bei Zaimoglus Text zum Schluss.

          Aber hinfahren soll man trotzdem

          Fast so, als hätte ihn das schlechte Gewissen gepackt, die für ihn als Schriftsteller ja doch ganz nützliche Messe so mieszumachen, schlägt er im letzten Absatz eine 180-Grad-Volte: Auf der Messe herrsche, so behauptet er plötzlich, eigentlich „eine recht gute Stimmung“, und wer „Bücher liebt und das große Treiben genießen kann, sollte doch nach Frankfurt fahren“.

          Und das nicht zuletzt deshalb, weil in den deutschen Literaturherbst stets „eine Sensation“ hineinplatze: „Das weise Alterswerk eines Großmeisters oder der Erstling eines scheuen Internatszöglings; das Gefühlsalbum der fotogen dreinblinzelnden Jungautorin oder die gesammelten Männergeschichten einer promisken Französin“ zum Beispiel. Besonders überzeugend ist dieses Argument für den diesjährigen Messebesuch indes nicht. Sollte auch dieser Literaturherbst noch eine solche Sensation bereithalten, so hätte sie sich bislang jedenfalls sehr gut versteckt.

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