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Koffein : Erst mal ausschlafen

  • Aktualisiert am

So kann man den Bundeskanzler natürlich auch mal interviewen: Man fragt ihn, wie es geht, wie er sich zu Hause zu erholen pflegt, und liest ihm ein Gedicht vor, das er nicht versteht. Kann man alles machen. Aber warum?

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          Wir müssen uns Sorgen machen. Sorgen um das „Magazin“ der „Süddeutschen Zeitung“. In Zeiten wie diesen, da das Geld knapp und die Umfänge der Zeitungen schmaler werden, ist ein Hort des unkonventionellen spielerischen Journalismus, der sich nicht an den harten Notwendigkeiten orientiert, höchst schutzbedürftig. Mehr denn je ist ein solches Magazin gefordert, etwas Besonderes anzubieten, auf daß mögliche Gedankenspiele sparwütiger Manager nicht forciert werden, und wenn der Platz rar ist, darf dort keine überflüssige Zeile stehen.

          An diesem Freitag nun besuchen drei Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“ für ihr Magazin den Bundeskanzler auf dem Balkon des Kanzleramtes. Und so beginnt das Gespräch:

          SZ-Magazin: Herr Bundeskanzler, wie geht's?

          Gerhard Schröder: Danke, gut! Eigentlich sehr gut.

          SZ-Magazin: Sie freuen sich auf Ihren Urlaub.

          Gerhard Schröder: Stimmt.

          Üblicherweise wird solches Geplänkel, das vor einem ernsthaften Interview das Eis brechen soll, in der Zeitung nicht abgedruckt. Daß es dennoch geschieht, soll uns signalisieren: Achtung, dies wird ein besonderes Gespräch. Es wird nicht um die übliche Abfrage politischer Floskeln gehen, sondern gehörig menscheln. Alfred Biolek hat in seiner Sendung regelmäßig solche Interviews geführt, in denen sich Politiker als Privatperson präsentieren durften und nicht befürchten mußten, sich zu Sachfragen äußern zu müssen; legendär ist Bioleks devotes Gespräch mit Helmut Kohl, für das er harsche Kritik einsteckte.

          Bei Gerhard Schröder aber ist das Private vom Politischen nicht zu trennen: Kein anderer deutscher Politiker läßt es permanent so menscheln wie der Kanzler, der andererseits selbst eine Absage seines Urlaubs zur politischen Demonstration werden läßt. Und genau deshalb muß der Versuch der „Süddeutschen“, ihren Lesern mal einen ganz anderen Gerhard Schröder vorzustellen, fürchterlich scheitern.

          Ein gestandener politischer Journalist und unerbittlicher Kommentator wie Heribert Prantl sitzt hier mit seinem Kollegen Dominik Wichmann dem Bundeskanzler gegenüber und stellt ihm Fragen wie: „Jetzt wollen Sie sich zu Hause erholen. Wie dürfen wir uns das vorstellen?“ (Antwort: „Erst mal ausschlafen.“) „Mal ehrlich: Kapieren Sie unser Steuersystem eigentlich noch?“ (Antwort: „Ja.“) Zu Schröders Memoiren: „Gibt es schon einen Titel?“ (Antwort: „Nein.“)

          Von den Furien Ferien

          Außerdem lesen die Interviewer Schröder ein Gedicht vor: „Ein Mensch, vom Pech verfolgt in Serien, wünscht sich jetzt von den Furien Ferien. Er macht, nicht ohne stillen Fluch, ein dementsprechendes Gesuch. Jedoch wird, wie so oft im Leben, dem höheren Orts nicht stattgegeben.“ Darauf Schröder: „Was wollen Sie mir denn damit sagen.“ - „Das ist ein Gedicht von Eugen Roth. Wir dachten, es paßt ganz gut zu Ihrer Situation.“ - „Wieso?“

          Ein bißchen politisch wird das Ganze später doch noch, was dem Kanzler die Gelegenheit gibt, doch seine politischen Floskeln loszuwerden - über die „Fehleinschätzung der IG Metall über den Sinn eines Streiks in Ostdeutschland“, den „Wandel in unserer Gesellschaft“, die verantwortungsvolle und richtige Politik der Regierung. Mit Erleichterung liest man, quält man sich durch das gesamte Interview, schließlich den Satz: „Dann also schöne Ferien!“ - „Danke, werd ich haben.“

          Das Spannendste an dem ganzen Interview ist das Fehlen einer Frau. Nein, nicht von Doris, sondern das der „SZ“-Redakteurin Franziska Augstein. Letztere posiert zwar auf der Seite 3 des Magazins mit ihren Kollegen neben Schröder, auf der Seite 6 aber werden als Interviewer nur Prantl und Wichmann genannt. Kam sie beim Gespräch nicht zu Wort, mußte sie derweil für die Männer Kaffee kochen - oder war ihr das Ganze im Nachhinein vielleicht so peinlich, daß sie es vorzog, unerwähnt zu bleiben?

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