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Koffein : Adolf Muschg: Ein vorsichtiger Durchbruch

  • Aktualisiert am

Endlich! Internationale Medienreaktionen auf das Votum der Schweizer zugunsten eines UN-Beitritts.

          Die Schweizer haben in einer Volksabstimmung mit knapper Mehrheit von 54,6 Prozent der Wahlberechtigten beschlossen, den UN beizutreten. Die „Neue Zürcher Zeitung“ hat die Pressestimmen zusammengefasst.

          Mit Genugtuung und dem Stoßseufzer „Endlich!“ hätten Politiker und Kommentatoren in Deutschland auf das Abstimmungsergebnis in der Schweiz reagiert, schreibt die Zeitung. Schon lange habe die Schweiz als Beobachter beiden Vereinten Nationen verantwortungsvoll mitgearbeitet, wird Außenminister Joschka Fischer zitiert. Die Zeitungskommentatoren hätten indes deutsche Hoffnungen gedämpft. Der baldige Beitritt zur EU stehe nicht bevor. In Italien habe denn auch der Populist Christoph Blocher in einem Interview mit dem „Corriere della Sera“ gesagt, dass es nun den Beitritt zum Schengener Abkommen zu verhindern gelte.

          In der Schweiz selbst wurde die Abstimmung in den Medien einhellig begrüßt. „Wir sind dabei! WIr sind in der Welt angekommen!“, frohlockte etwa die auflagenstärkste Zeitung des Landes, „Blick“. Und der „Tagesanzeiger“ schrieb: Mit dem Ja zum Uno-Beitritt habe das Stimmvolk seine „mythisch überhöhte Neutralitätshaltung“ aufgegeben.

          Ende der Isolation

          In der „Welt“ nennt der Schriftsteller Adolf Muschg das Ergebnis für die Schweiz einen „vorsichtigen Durchbruch“. Das Land müsse sich jetzt daran gewöhnen, „in einer einerseits globalisierten, andererseits durch neuartige Konflikte geteilten Welt aktiv mitzuwirken: mit dem Prinzip Neutralität allein ist jetzt kein Durchkommen mehr“. Die bewaffnete Neutralität während des Zweiten Weltkriegs habe zwar die nackte Existenz der Schweiz gerettet, auch - wie sich danach zeigte - die wirtschaftliche begünstigt. Nach 1989 aber sei immer deutlicher geworden, dass man die "guten Dienste", auf die man seine Außenbeziehungen reduzierte, vor allem sich selbst geleistet habe, und dass sie die Schweiz in die Isolation geführt hätten.

          Auf die Frage, welche innenpolitischen Konsequenzen diese Volksabstimmung bringen werde, antwortet Muschg: Vordergründig hätten die Kräfte der Beharrung eine Niederlage erlebt. Besiegt seien sie damit noch nicht. Aber die Mehrheit der Schweizer sei jetzt bereit, statt auf Trotz und Kleinmut auf Selbstvertrauen zu setzen und eine Insel-Existenz, die zur Fiktion und Illusion geworden sei, auch psychologisch zu beenden.

          „Absurd“

          Und „Le Monde“ betont noch einmal, dass die Situation zuletzt „absurd“ war. Seit 1948 nehme die Schweiz als Beobachter am System der Vereinten Nationen teil. Sie beteilige sich an Sanktionen und halte sich auch an alle anderen Maßnahmen des Sicherheitsrates. Sie sei präsent und aktiv in allen Sonderorganisationen der Uno. Außerdem beheimatet sie in Genf einen der zwei europäischen Sitze der Uno (neben Wien), darunter einige respektierte Organisationen wie die Weltgesundheitsorganisation und das Hochkommissariat für Flüchtlinge.

          Anders als andere Staaten, die niemals ihre Schulden beglichen oder sie von anderen zahlen ließen, leiste das Land auch seine finanziellen Beiträge, wie „Le Monde“ mit einem Seitenhieb auf die Vereinigten Staaten feststellt.

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