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Königin Beatrix wird siebzig : Das Leben hinter der Maske

  • -Aktualisiert am

Das Lächeln ist fixiert Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die niederländische Königin Beatrix wird an diesem Donnerstag siebzig Jahre alt. Das Volk schätzt sie, doch es liebt sie nicht. Denn ihren Job absolviert sie lächelnd, perfekt und unnahbar.

          Ihren siebzigsten Geburtstag feiert Beatrix, Königin der Niederlande, heute daheim in Den Haag im Familienkreis. Schon dieser entschiedene Wille zur Privatheit, mit dem sie auch vor zehn Jahren ein gewaltiges Straßenfest in Amsterdam absagen ließ, spricht Bände über die hochkomplexe Persönlichkeit dieser Monarchin. Seit 1980 auf dem Thron, erledigt sie den Job tadellos, ist in nahezu jedermanns Urteil für Land, Familie und Europas Adel ein Ideal an Pflichterfüllung - das Inbild einer Königin, wenn sie mit betonierter Hochfrisur Hände schüttelt, das harte Programm von Staatsbesuchen klaglos absolviert und sich vom Volk mit fixiertem Lächeln feiern lässt.

          Und doch gibt es hinter dieser Mustermonarchin eine andere Frau. Das ist die Beatrix, die heute ihr Volk aussperrt. Auch der Beruf der Königin kennt einen Feierabend. Gemeinsam mit den Niederländern feiert sie als sichtbare, als offizielle Beatrix erst am inzwischen traditionellen „Koninginnedag“, dem 30. April, dem Geburtstag ihrer Mutter. Da wird sie zwei friesische Städtchen mit ihrer Anwesenheit beehren, während das ganze Land feuchtfröhlich und orange eingefärbt sich selbst und das Königshaus Nassau-Oranien hochleben lässt.

          Rückkehr ins traumatisierte Mutterland als Symbol des Fortbestehens

          Die Verehrung, die dem Amt der Königin gerade im tief demokratischen und unzeremoniellen Holland entgegenschlägt, hat historische Gründe: Erst spät, im Jahr 1815, bekam und akzeptierte die Kaufmannsrepublik, die sich bis dahin einen Statthalter gehalten hatte, die Monarchie. Und erst mit dem Widerstand gegen das Naziregime wurde das Oraniengefühl, damals auch vom Historiker Johan Huizinga untermauert, zum Inbegriff von nationaler Identität und Behauptungswillen. Beatrix wurde mit zwei Jahren zur Heimatvertriebenen, in Kanada eingeschult, und sie kehrte als Symbol des Fortbestehens in ihr ausgeblutetes, tief traumatisiertes Mutterland zurück. Dieses wichtige Kapital ist unter dem Nivellierungsdruck der Globalisierung und der Europäischen Union kaum zu überschätzen, und Beatrix hat stets pflichtgetreu das Ihre getan, damit das Haus Oranien und die Niederlande weiter zusammengeschweißt bleiben.

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          Die joviale Attitüde ihrer Mutter Juliana hat sie jedoch hinter sich gelassen: Beatrix hat die steife Anrede „Majesteit“ wieder eingeführt und lässt ihre streng selektierte Dienerschaft rotieren. Es soll zu keiner Vermischung von unten und oben kommen, denn dann hätte das Königtum auch noch den letzten, den zeremoniellen Sinn verloren. Nicht nur bei ihrem verstorbenen Ehemann, Prinz Claus, war die Strenge dieses Zeremoniells schmerzlich zu spüren. Während der schwerkranke Claus öffentlich seine Krawatte wegwarf und zum vielleicht einzig beliebten Deutschen unter den Niederländern wurde, warf man der Königin immer öfter vor, dass sie in ihrer Amtsausübung erstarre, dass sie zu wenig Wärme und Spontaneität zeige, dass sie die Bürger von oben herab behandele und bevormunde.

          Niemand hat die Dialektik der Krone durchschaut wie sie

          Ein Blick auf Internetforen zum Siebzigsten der Königin zeigt, wie bestürzend sich dieser Eindruck verfestigt hat. Mag das Königshaus als wichtigste Stütze der niederländischen Nation dastehen und man als Republikaner in Holland gesellschaftlich erledigt sein - die kecken Untertanen äußern dennoch den Wunsch, Majestät möge endlich zugunsten ihres lockereren Erstgeborenen Willem-Alexander abtreten, solle endlich mit ihren zahlreichen Enkelkindern das Leben genießen und aufhören, mit ihrer besserwisserischen Art als „Königin der Reichen“ dazustehen. Eine Monarchin, die wahrhaft vom Volk geliebt würde, bekäme warmherzigere Gratulationen.

          Der hochintelligenten Beatrix, die Soziologie und Staatsrecht in Leiden mit Bravour studiert hat und in ihrer Freizeit bildhauert, war es nicht anders bestimmt. Wohl kein anderes gekröntes Haupt hat die Dialektik dieses merkwürdigen Berufes zwischen Boulevard und Feudalismus, zwischen Idolatrie und Entwürdigung besser durchschaut als sie. Bei ihrer Verlobung mit Claus gab es massive antideutsche Straßenproteste, bei der Hochzeit, die sie 1966 demonstrativ im linken Amsterdam beging, stürmten militante Hausbesetzer beinahe die Feierlichkeiten. In diesem Umfeld entschloss sich die junge Frau, deren unschätzbare politische Erfahrungen als Mitglied des Staatsrates bis 1956 zurückreichen, zu einem wagemutigen Paradoxon: das Amt als Mutter der Nation autoritär zu interpretieren.

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