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Gina Thomas (G.T.)

„König Lear“ mit Opernsängern : Sprachgesang

  • -Aktualisiert am

Sir John Tomlinson, Opernsänger aus England Bild: Niklas Grapatin

Beim Grange Festival in Hampshire, einem der britischen Sommerfestspiele, stehen sonore Opernveteranen wie Sir John Tomlinson in Hauptrollen auf der Bühne. Und singen keinen Ton.

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          Wenige Opernsänger schaffen es in den Rang des britischen Titularadels. Es kommt also nicht alle Tage vor, dass eine Inszenierung mit gleich zwei Rittern aufwarten kann wie jetzt beim Grange Festival in Hampshire, einem der Sommerfestspiele, die nach dem Vorbild von Glyndebourne auf britischen Landsitzen Opern mitsamt dem ganzen Firlefanz von Smoking und Picknick aufführen.

          Bloß dass diese beiden sonoren Opernveteranen, der Bass Sir John Tomlinson und der Bariton Sir Thomas Allen, keinen Ton singen werden. Sie treten auf als Lear und Gloucester in einer unvertonten, aber ausschließlich mit Opernsängern, darunter der Sopranistin Susan Bullock und dem Tenor Kim Begley, besetzten Inszenierung von Shakespeares „König Lear“.

          Ein nach Aufmerksamkeit heischender Gag?

          Anders als der 82 Jahre alte Schauspiel-Ritter Sir Ian McKellen, der die Aussetzung der Unglaubwürdigkeit demnächst aufs Äußerste strapazieren wird, wenn er den jungen Prinzen Hamlet verkörpert, haben die beiden Mittsiebziger Tomlinson und Allen immerhin das richtige Alter für ihre Rollen. Tomlinson frotzelt sogar, dass er etwas zu jung sei, um den dementen Herrscher darzubieten. Auf den ersten Blick mag die Idee, die Sänger im Sprechtheater einzusetzen, noch dazu unter der Leitung des Opernregisseurs Keith Warner, wie ein nach Aufmerksamkeit heischender Gag anmuten, der das Renommee nicht mehr in der ersten Blüte ihrer Stimmen stehender Sänger ausschlachtet.

          Das Experiment wirkt allerdings nicht ganz abwegig, wenn man an die musikalische Sensibilität denkt, mit der große Schauspieler vermögen, den Sinn von Shakespeares Texten zu vermitteln, indem sie Reim und Prosa zum Singen bringen. Die skurrile Lyrikerin Edith Sitwell, deren zum Hören bestimmte Verse von Sprachmusik getragen sind, und Virginia Woolf, die Meisterin der melodischen Prosa, pflegten Shakespeare unmittelbar nach dem eigenen Schreiben zu lesen: „Wenn der Geist weit offen und rot glühend ist“, waren beide von der Klangwelt der Shakespeare’schen Sprache berauscht. Edith Sitwell hielt „Antonius und Cleopatra“ sogar für das „größte Wunder des Klanges“, das je hervorgebracht worden sei.

          Durch ihre lange Erfahrung mit der Phrasierung von Tönen, der Körperlichkeit des Singens und dem mimischen Ausdruck hoffen denn auch die Opernsänger Tomlinson und Allen, Shakespeares „Lear“ neue Facetten abzugewinnen. Womöglich wollen sie auch die Unzertrennlichkeit von Dichtung und Musik veranschaulichen, zu der sich die Gräfin in Richard Strauss’ „Capriccio“ schließlich bei der Frage durchringt, ob es die Worte sind, die ihr Herz bewegen, oder ob die Töne stärker sprechen.

          Gina Thomas
          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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