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Kölner Zentralmoschee : Bautrojaner in Köln?

Aus der Hand genommen: Architekt Paul Böhm mit einem Modell der Moschee, die nun nicht mehr von ihm gebaut werden darf Bild: dpa

Wie die Ditib den Architekten Paul Böhm einsetzte und nun wieder wegen „unüberbrückbarer Konsequenzen“ abserviert, zeugt nicht von Souveränität.

          Als im Frühjahr 2006 der Architektenwettbewerb um die Kölner Zentralmoschee entschieden wurde, war die Bereitschaft groß, das Ergebnis als Glücksfall von hohem Symbolwert anzusehen. Denn in der internationalen Konkurrenz hatte sich Paul Böhm, Sohn des berühmten katholischen Kirchenbaumeisters Gottfried Böhm, durchgesetzt. Der interreligiöse Dialog, zu dem sich die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) als Bauherrin bekannte, schien mit dem Gebäude ein Fundament und dessen Gestalt, die mit der gesprengten Außenschale der freistehenden Kuppel Offenheit bekundet, einen plastischen Ausdruck zu erhalten. Was für ein Versprechen!

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Dass die Zusammenarbeit zwischen Bauherrin und Architekt schwierig werden würde, stand zu erwarten und wurde als Prüfstein des kulturpolitischen Anspruchs verstanden. Doch Auseinandersetzungen gehören zum Bauen und führen, so sie im Sinne der Sache erfolgen, zu neuen Lösungen; ohne einen starken Bauherrn entsteht keine große Architektur. Die Öffentlichkeit muss das nicht interessieren, am Ende zählt das Resultat, und so wurden viele Differenzen, die nach außen drangen, als Begleitmusik abgetan, die bei der Eröffnung vergessen sein würde.

          „Vertrauensverhältnis massiv erschüttert“

          Wie aber am vergangenen Wochenende deutlich wurde, hat sich in dem Verhältnis zwischen Bauherrin und Architekt doch viel mehr als der übliche Konfliktstoff angestaut. In einer Pressemitteilung, die ein scheinheiliges und auch verschleierndes Pathos anschlägt, hat die Ditib erklärt, dass sie dem Architekturbüro "mit sofortiger Wirkung aus wichtigem Grund" gekündigt habe. Offengelegt wird der Grund nicht, nur pauschal darauf verwiesen, dass der Architekt "in der technischen Abwicklung den eigenen gestalterischen und qualitativen Ansprüchen nicht mehr gerecht" geworden sei. Eine Einschätzung, die offenbar "ein übliches baubegleitendes Verfahren zur Qualitätssicherung" erbracht hat, ohne dass - und da wird die Auskunft nebulös - der Bauherrin "alle Details" bekannt seien.

          Um "unüberbrückbare Differenzen" geltend zu machen, beruft also die Ditib sich auf ein Gutachten, von dem sie behauptet, es nicht genau zu kennen. Darauf hat Paul Böhm mit einer Pressemitteilung reagiert, in der er betont, die Ditib sei einer Kündigung zuvorgekommen, die sein Büro ihr für den folgenden Tag angedroht und auch ausgesprochen habe, weil sie seit April die Zahlung von fälligen Vergütungen verweigere. Dass das "für eine weitere Vertragsabwicklung notwendige Vertrauensverhältnis massiv erschüttert worden" sei, beginnt für Böhm "mit dem Wechsel des Vorstandes der Ditib im August 2010", zumal damit auch "ein Austausch sämtlicher projektbeteiligter Mitarbeiter" einhergegangen sei.

          Die Kündigung erscheint unangemessen

          So sei "in einer der entscheidendsten Phasen des Bauvorhabens" die Kontinuität nicht mehr gewährleistet und "ein erheblicher Informations- und Know-how-Verlust eingetreten". "Der Kontakt zum Bauherrn wurde monatelang fast zum Erliegen gebracht", beklagt Paul Böhm, und der Moscheebeirat, ein fast vierzigköpfiges Gremium, sei vor dem Richtfest mehr als ein halbes Jahr lang nicht mehr einberufen worden.

          Der Architekt Christian Schaller, der ihm angehört, bestätigt das und berichtet, die Ditib habe Mehmet Yildirim, der das Projekt mit großem Engagement vorangetrieben habe, als Geschäftsführer abgelöst, weil er "zu willfährig gegenüber dem Architekten" aufgetreten sei. Dann habe sie einen Gutachter mit dem Auftrag engagiert, dem Architekten Baumängel nachzuweisen.

          Baumängel und Nachforderungen sind bei Projekten dieser Größenordnung Tagesgeschäft, und es ist Aufgabe des Architekten, sie abzuarbeiten. Daraus eine außerordentliche Kündigung zu konstruieren, erscheint so unangemessen, wie deren Zeitpunkt irritieren muss. Denn die Moschee sollte im Mai 2012 eröffnet werden. Was noch aussteht, ist die Gestaltung des Innenraums, die Fassade und die Farbgebung - drei Aspekte, bei denen die Vorstellungen von Bauherrin und Architekt weit auseinanderklaffen. So spricht vieles für die Vermutung, dass die Ditib den Architekten loswerden wollte, um freie Hand zu haben. Hat Böhm, den sie gleichsam als Bautrojaner einsetzen konnte, um als weltoffene, liberale Organisation zu erscheinen, seine Schuldigkeit getan?

          Die Sympathie der Kölner aufs Spiel gesetzt

          Schlechte Zahlungsmoral, Preisdrückerei, die Qualitätsdefizite zur Folge hat und in Mehrkosten umschlägt, Ignorieren von Absprachen und mangelnde Verbindlichkeit - entspricht das nicht den Klischees, denen "die Türken" sich ausgesetzt sehen? Böhm muss kurz lachen über die Frage, um sie fast trotzig zu parieren: "Aber mit dem vorherigen Vorstand haben wir eigentlich prima zusammengearbeitet."

          Doch hat die Ditib mit der Kündigung des Architekten nicht nur Vorurteile bedient, sondern auch die Sympathie, die die Mehrheit der Kölner dem Projekt bislang entgegenbringt, leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe sieht anders aus. Es geht nicht "nur" um Architektur, sondern, wie der Umgang mit ihr offenbart, um eine Kulturfrage.

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