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Kölner Stadtplanung : Wie Albert Speer Köln zu neuen Ufern schickt

Ein städtebaulicher Flickenteppich: Blick auf die Kölner Innenstadt Bild: picture-alliance/ dpa

Albert Speer legt einen groß dimensionierten städtebaulichen Masterplan für die Kölner Innenstadt vor, der mehr Einheit in den Flickenteppich bringen soll. Wenn er nicht zerredet wird, bedeutet er für Köln nicht anderes als eine Revolution.

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          Als Albert Speer seinen städtebaulichen Masterplan für die Kölner Innenstadt vorstellte, war der Ort Teil der Botschaft. Denn die Übergabe seines „Regiebuchs für künftige Entscheidungen“ an Oberbürgermeister Fritz Schramma wurde im achtzehnten Stock eines Versicherungsgebäudes im Westen der Stadt gefeiert, von dem sich sein Gegenstand aus der Vogelperspektive wahrnehmen und als eben jene Gemengelage erkennen ließ, die ihm der Frankfurter Architekt und Stadtplaner schon nach seinem ersten eingehenden Besichtigungstermin bescheinigt hatte: als Chaos-Stadt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          So viel erkenntnisfördernde Distanz ist für den Kölner, der seine Stadt liebt, sie für den Nabel der Welt und für die schönste im ganzen Land hält, erst einmal ernüchternd: Statt Bauklötze zu staunen, bekommt er, auch wenn Petrus gerade milde gestimmt war und sie günstig grau wattierte, eine relativ konkrete Anschauung eines städtebaulichen Flickenteppichs, der sich - so ein vielzitiertes Bonmot des ehemaligen Oberbürgermeisters Norbert Burger - wie eine „Summe von Ausnahmegenehmigungen“ ausnimmt.

          Standortpolitische Motive

          Diesem Erscheinungsbild entsprechen, und das ist in Köln alles andere als selbstverständlich, der Befund und das Unbehagen, die den Auftrag an Speer ausgelöst hatten: Die großen Lücken, die der Zweite Weltkrieg gerissen hat, seien schlecht vernarbt, die Nachkriegszeit habe neue Schneisen geschlagen; eine ordnende Hand habe in den Jahren des Wiederaufbaus gefehlt, und so mangele es den Stadträumen an klarer Orientierung wie der Architektur insgesamt an Qualität, was sich negativ auf die Aufenthaltsqualität wie auf das Image der Stadt auswirke, konstatieren die Initiatoren des Projekts etwas pauschal.

          Denn es ist nicht die Kommune selbst, und darin liegt die zweite Botschaft des Orts, die den Masterplan in Auftrag gegeben und - für mehr als eine halbe Million Euro - finanziert hat, sondern der Verein „Unternehmer für die Region Köln e.V.“, der mit Paul Bauwens-Adenauer, dem Präsidenten der Industrie- und Handelskammer (IHK), als Vorsitzendem erklärt, „dass allein aus standortpolitischen Motiven dringender Handlungsbedarf geboten ist“.

          Chirurgische Eingriffe in eine Chaos-Stadt

          Aber sind dessen Interessen denn auch die der ganzen Stadtgesellschaft? Das war im Vorfeld die kritischste Frage. Im Nachhinein lobt Baudezernent Bernd Streitberger, für den die Planungshoheit und Entscheidungsfreiheit der Stadt nicht verhandelbar sind, die „sehr gute“ Zusammenarbeit: Speer und sein Team hätten, so betonen alle Beteiligten, unabhängig arbeiten können, und das bestätigen auch Differenzen mit den Auftraggebern, die ungewohnt offen an- und ausgesprochen wurden. So könnte sich, wenn die Gewaltenteilung und der respektvolle Umgang fortgeführt werden, das Engagement der Unternehmer als eine neue Form des Mäzenatentums erweisen.

          Albert Speer und seine Mitarbeiter, federführend Michael Heller und Michael Dinter, unterziehen den Körper Stadt einer eingehenden Diagnose und entwickeln auf dieser Grundlage ein ganzheitliches Konzept, ihn zu kurieren - nicht mit Kosmetik, sondern mit chirurgischen Eingriffen. Schon dass die Kölner sich dafür Kompetenz von außen, und das ausgerechnet aus der vermeintlichen Konkurrenzstadt Frankfurt, holen, ist Ausdruck von Ratlosigkeit wie auch eines gewandelten Selbstverständnisses.

          Einheit im Erscheinungsbild

          Die hundertfünfzig Seiten starke Publikation liest sich denn auch wie ein Anschlag auf die hiesige Mentalität. Denn das Projekt ernst zu nehmen heißt zuallererst, sich von zentralen „kölschen Grundgesetzen“ zu verabschieden: „Et kütt wie et kütt“ und „Es hätt noch immer jot jejange“ gelten nicht mehr. Der Masterplan formuliert ein reiches Spektrum von Ideen und Chancen, doch realisieren lässt es sich nur, wenn eine breite, von der IHK bis zu den Grünen reichende Koalition der Aktiven eine konsequente und intensive Zusammenarbeit eingeht.

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