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Theaterversuch in Köln : Hybris der Identifikation

  • -Aktualisiert am

Allein unter Dreihundert: Luana Velis im Home-Office Bild: Schauspiel Köln

Das Hamsterrad alleine laufen lassen: Am Kölner Schauspiel versucht sich eine Hauptdarstellerin im passiven Widerstand und schafft dabei mit großer Ankündigung: nichts!

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          Also gut, die Frage immerhin zählt: Was würde man tun, wenn man nichts tut? Nicht arbeitet, nicht wetteifert, nicht hochkommen will. Das Hamsterrad allein laufen lässt. Ließe sich so nicht endlich der Markt besiegen? Aktiver Widerstand durch bedingungslose Passivität? Genialer Gedanke. Darauf gekommen ist die Hauptdarstellerin einer Kölner Schauspielproduktion, die sich mit Gontscharows 1859 erschienenem Nichtstuer-Roman „Oblomow“ beschäftigen wollte.

          Allerdings befiel Luana Velis schon bald nach Probenbeginn die Hybris der Hyperidentifikation – weil die Schauspielerin ihren Text ganz persönlich nehmen wollte, entschied sie sich, zu Hause zu bleiben. Allein? Nein, natürlich nicht, denn allein sein kann man ja heute nur noch, wenn einem dabei andere zuschauen. Also wurde das Ganze mit Hilfe eines marktwirtschaftlich orientierten Streaming-Anbieters live übertragen. „Twitch“ heißt der, was so viel bedeutet wie „nervöse Zuckungen“ – also nichts mit Ruhe bewahren. Lange Gesprächssequenzen hat Velis hier in den vergangenen Wochen festgehalten, Grundsatzdiskussionen mit ihrem Ensemble, mit dem Regisseur Luk Perceval, mit sich selbst. Sie filmt dabei ihre Wohnung, ihr Aquarium, ihre Zimmerpflanze.

          Marodes Theatersystem

          Sie will radikal sein. Aber immer, wenn sie das „ganze System einmal packen und richtig schütteln“ will, schiebt der Betreiber dummerweise gerade einen Werbeblock für ein neues iPhone oder eine Investment-Bank dazwischen. Da kann sie sich noch so leidenschaftlich vom Wettbewerbsgedanken verabschieden – der Betreiber duldet ihr „prefer not to“ nur so lange, wie die Quote stimmt. Etwas mehr als dreihundert Zuschauer waren es im Durchschnitt. Für die legt Velis sich ins Zeug, lässt tief in ihre Seele blicken, summt Einschlaflieder, redet vom „maroden Theatersystem“. Wobei offen bleibt, was genau marode ist: Das hierarchische Prinzip der Leitung missfällt ihr, alles müsse viel „demokratischer“ werden (ob es dadurch auch freiheitlicher würde, wäre die Frage). Aber ist auch die Form der Vorstellung überkommen? Velis will ihre Figur nicht „zitieren“, das heißt also: das Spiel abschaffen und durch die sogenannte Wirklichkeit ersetzen. „Authentisch“ lautet das ausgeleierte Schlagwort.

          Statt sich an Figuren heranzuhoffen, die mehr erlebt haben als man selbst, holt man sie zu sich herab, um die eigene Müdigkeit zu entschuldigen. Es geht dabei gerade nicht um einen anarchischen Anspruch auf die eigene Geschichte, sondern um die konformistische Forderung nach mehr Nabelschau. Am Tag, als in Köln der Karneval begann, feierte dann auch „Oblomow revisited“ Premiere. Mit drei Schauspielern auf der Bühne und einer Schauspielerin, die aus ihrem Homeoffice zugeschaltet war. Dreitausend Menschen schauten zu, wie hier die Arbeit zum Urübel erklärt wurde. Manchmal kann so ein Nichtstun ganz schön überflüssig wirken.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

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