https://www.faz.net/-gqz-6zjys

Kölner Opernstreit : Lust auf den Abbau

Vertragsauflösung „ohne Bedingungen“? Uwe Eric Laufenberg, Intendant der Kölner Oper Bild: dpa

Köln setzt seine Oper aufs Spiel. Nachdem der Intendant Uwe Eric Laufenberg seinen Vertrag vorzeitig auflösen will, rückt jetzt ein Ende im Chaos immer näher.

          3 Min.

          Als wäre sie mit dem Einsturz des Historischen Archivs nicht schon gebeutelt genug, steuert die Stadt Köln auf den nächsten Scherbenhaufen zu. In einem an Sorglosigkeit, Kurzsichtigkeit und Unfähigkeit kaum zu überbietenden Gerangel ist sie seit Monaten dabei, den Fortbestand ihrer Oper aufs Spiel zu setzen. Die Spielplankonferenz in der letzten Woche geriet zur Farce. Eine Stunde vor dem Termin hatte den Intendanten Uwe Eric Laufenberg ein Brief von Kulturdezernent Georg Quander erreicht: „In jedem Fall“, so heißt es darin, „weise ich Sie an, heute nur das anzukündigen, was mit dem jetzt genehmigten Zuschuss zuzüglich der zu erzielenden Einnahmen realisiert werden kann.“

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          Laufenberg hielt sich zunächst daran. Eine einzige Produktion sei finanziell und auch vertraglich gesichert: „Die Macht des Schicksals“ von Giuseppe Verdi werde am 16. September im Musicalzelt hinter dem Hauptbahnhof, das als Ausweichquartier angemietet und dann „Oper am Dom“ heißen wird, Premiere haben. Die weiteren Positionen nannte er dann unter Vorbehalt: „Ich erzähle, was geplant war, die Anwälte schreiben ja mit.“ Schon drei Tage zuvor hatte Laufenberg, offenbar erschöpft von dem unwürdigen Hin und Her und vielleicht auch, um den Entscheidungsdruck auf die Stadt zu erhöhen, die einvernehmliche Auflösung (“ohne Bedingungen“) seines bis 2016 gültigen Vertrags zum Sommer 2013 angeboten. Und die Stadt hatte zugestimmt. Doch hat sie es bisher nicht geschafft, ihm das entsprechende Schriftstück auch zuzustellen.

          Laufenbergs Interim versprach das Beste

          Ein Ende im Chaos, nachdem es lange nach einem Chaos ohne Ende ausgesehen hatte? Das Ende jedenfalls eines kleinlichen Gezänks um Geld, mit dem sich Verwaltung und Politik von ihrem mit dem Engagement von Laufenberg ausdrücklich bekundeten Anspruch, wieder ein künstlerisch tonangebendes, über das Rheinland hinausstrahlendes Musiktheater aufbauen zu wollen, peu à peu verabschiedet haben, das Ende auch unseriöser Finanzierungspläne, die in dem Vorschlag gipfelten, die Oper solle selbst einen Kredit aufnehmen, und das, obwohl alle Beteiligten wussten, das sie ihn nie würde zurückzahlen können.

          Denn das Haus ist unterfinanziert, wie stark, das hat der Intendant immer wieder betont und zuletzt noch einmal detailliert dargelegt: Auf 49 Millionen Euro beläuft sich der Zuschuss für die Bühnen; Oper und Schauspiel teilen sie im Verhältnis neunundzwanzig zu neunzehn, eine Million kosten die Tanzgastspiele. Die vier Millionen Euro mehr, die er für die Oper fordert, brächten keine realen Zuwächse: Um 860.000 Euro sei der Zuschuss im September 2011 gekürzt worden, der Ausgleich der Tariferhöhungen für 2010 und 2011 betrage 360.000, der Mehrbedarf für Bühnenservice 500.000, die Kostensteigerung beim Gürzenich-Orchester 400.000 Euro, und rund zwei Millionen Euro „sind vor meiner Zeit von der Oper ans Schauspiel, das sie auch braucht, gewandert“. Mit dem genehmigten Etat, der am Abend der Spielplankonferenz per Dringlichkeitsentscheidung um zwei Millionen Euro erhöht wurde, könne Köln im Vergleich mit den Opernhäusern konkurrierender (und kleinerer) Städte auf Dauer nicht bestehen. Der Sängeretat etwa sei nur halb so hoch wie in Stuttgart, Frankfurt oder Düsseldorf.

          Vor allem aber bedeutet Laufenbergs vorzeitiger Abschied das Ende einer insgesamt erfolgreichen und sehenswerten Arbeit. Die Kölner Oper hat er, seit er sie 2009 übernahm, reanimiert und zu einer überregional wieder beachteten Adresse gemacht, die Auslastung unter künstlerisch wie organisatorisch schwierigen Voraussetzungen auf neunzig Prozent gesteigert. Denn der Riphahn-Bau muss saniert werden und das Ensemble drei Jahre lang auf acht Außenspielstätten ausweichen. Laufenberg hatte diese Herausforderung angenommen und ein Interim geplant, das daraus das Beste zu machen versprach.

          Die Oper gehört dem Gemeinwesen

          Und jetzt? Wer will die Oper in dieser Situation übernehmen, wer kann sie retten vor einer Stadtverwaltung, die, wenn sich die Baumaßnahmen so jahrelang hinziehen wie beim Rautenstrauch-Joest-Museum, den Fortbestand des Musiktheaters gefährdet? Kölns Oper steht am Abgrund, mit Laufenberg geht nicht einfach nur der Intendant, eine vielversprechende Aufbauarbeit wird vernichtet, künstlerisches Kapital wird verbrannt. Wegwerfmentalität! Köln droht die nächste kulturpolitische Blamage.

          Die Stadt beweist wieder einmal, dass sie leitende Angestellte, die sich für sie engagieren und einen eigenen Kopf haben, auf Dauer überfordert. Klüngelkompatibilität zählt hier mehr als Kompetenz. Als es darum hätte gehen müssen, die von Hamburg umworbene Schauspielintendantin Karin Beier zu halten, wurde nicht einmal der kleine Finger gekrümmt, der geradlinige Baudezernent Bernd Streitberger wird an die Spitze einer Wohnungsbaugesellschaft weggelobt, der Operintendant vergrätzt.

          Laufenberg ist ehrgeizig, anspruchsvoll, fordernd und nicht eben ein begnadeter Diplomat. Aber das muss er auch nicht sein. Was zählt, ist auf dem Platz, also auf der Bühne. Die Kölner Oper gehört nicht den Parteien, sie gehört dem Gemeinwesen. Den Abbruch des Schauspielhauses haben die Bürger gegen Politik und Verwaltung verhindert, jetzt muss es darum gehen, diesen zweiten Abbruch abzuwenden.

          Weitere Themen

          Nicht einfach Ossis gegen Wessis

          MDR-Jahresauftakt : Nicht einfach Ossis gegen Wessis

          Beim Jahresauftakt des MDR legen die Verantwortlichen den Leitgedanken für 2021 fest. Unter dem Slogan „Miteinander leben“ soll die Meinungsvielfalt gepflegt werden.

          Topmeldungen

          Dorota und Philipp Kisker bieten eine Videosprechstunde für Patienten an.

          Telemedizin : Video-Chat mit dem Gynäkologen

          Die Frankfurter Dorota und Philipp Kisker haben Deutschlands erste telemedizinische Gynäkologie-Praxis eröffnet. Patienten müssen den virtuellen Arztbesuch aus eigener Tasche bezahlen. Das Modell funktioniert trotzdem.
          Wer sich nicht mehr im Spiegel sehen kann – sollte trotzdem nicht verzweifeln.

          Suizide durch Arznei? : Die Pickel und die Angst

          Pickel lassen manche Menschen verzweifeln. Ein Aknemittel soll helfen – doch es wirkt selbst auf die Psyche. Ist es vielleicht für den Selbsttod junger Menschen verantwortlich? Ein schrecklicher Verdacht lebt auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.