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Kirchenvandalismus : Tolle Tage, saure Tropfen

Die Kölner Kirchenhäuser wappnen sich: Die Kirche Groß St. Martin (Mitte) umgibt während des Karnevals ein zwei Meter zwanzig hoher Bauzaun. Bild: dpa

Was dem Menschen behagt, das schmeckt der Kirche nicht: Während des Karnevals in Köln wappnen sich die Gotteshäuser mit Bauzäunen gegen urinierende und randalierende Besucher.

          Wenn heute, an Weiberfastnacht, im Rheinland der Straßenkarneval beginnt, ist Groß St. Martin, die mächtigste der zwölf romanischen Kirchen in Köln, gerüstet. Wie in den vergangenen Jahren hat Diözesanbaumeister Martin Struck einen zwei Meter zwanzig hohen Bauzaun vor das Gotteshaus setzen lassen, um das Mauerwerk vor den Narren zu schützen. Denn vom Altern Markt, wo um 11.11 Uhr „Kölle Alaaf!“ gejubelt wird, sind es – durchs Brigittengässchen oder die Lintgasse – nur wenige Schritte zum Vorplatz der Kirche, der während der tollen Tage zu dessen Hinter- und Pinkelhof wird. Die Säure des Urins zersetzt den Naturstein, greift den Mörtel an, löst Fugen auf und lässt Wasser eindringen. Auch die Kolumba-Kapelle wird abgeschirmt.

          Andreas Rossmann

          Freier Autor im Feuilleton.

          „Ein kleineres Problem“ nennt das Struck, der für die bistumseigenen Kirchen die Verantwortung trägt; vielleicht auch, weil es so überschaubar und berechenbar ist. Die sauren Tropfen höhlen auch, und das nicht nur zur fünften Jahreszeit, den Stein des Doms, wo inzwischen, um Wildpinkler fernzuhalten, über ein Gitter vor der Nordfassade nachgedacht wird. Nur Brände verursachen noch größere Zerstörungen: So wurde die barocke Jesuitenkirche in Bad Münstereifel seit 2004 dreimal komplett verraucht, und erst Anfang des Jahres war in St. Johannes Enthauptung in Lohmar die Krippe angezündet und an Mauerwerk und Orgel ein Schaden von mehr als 200.000 Euro angerichtet worden.

          Kirchenvandalismus ist kein neues Phänomen

          Dagegen gehört Metallklau seit rund zehn Jahren zum Alltag: Dachrohre und -befestigungen aus Kupfer werden häufig heruntergerissen und, um Kosten zu sparen, durch Edelstahl ersetzt. Die Kirchendiebstähle hätten sich, so Struck, zwar nicht signifikant erhöht, mit fünf bis zehn Versicherungsfällen habe er es im Jahr zu tun; Sorge mache ihm die abnehmende Achtung gegenüber sakralen Bauwerken.

          Kirchenvandalismus ist kein neues Phänomen. „Das hat es immer wieder gegeben“, sagt Thomas Jablonka, Kreisdechant des Rhein-Sieg-Kreises, in dem Lohmar liegt, und erinnert sich, wie „in meiner Jugend die Kirche in Kevelaer ausbrannte“, das war 1982. In der Kriminalstatistik werden Kirchendiebstähle nicht explizit erfasst. Die Evangelische Kirche im Rheinland erklärt auf Anfrage: „Uns liegen keine Erkenntnisse über eine vermehrte Zahl von Diebstählen aus oder Einbrüchen in Kirchen vor.“ Und das Erzbistum Köln verweist, da die Gemeinden Eigentümer der Kirchen seien, an die Polizei, die weiter ans Innenministerium, das weiter ans Landeskriminalamt und dieses auf eine Kleine Anfrage im Landtag aus dem Jahr 2015: „Macht die zunehmende Kriminalität selbst vor Kirchen nicht mehr halt?“ Die Antwort, die als Datenquelle das „integrative Vorgangsbearbeitungssystem der Polizei NRW“ nennt, registriert zwischen 2010 und 2014 um die siebenhundert Fälle pro Jahr, von denen weniger als ein Fünftel aufgeklärt werden konnte.

          Erst gestohlen, jetzt wieder aufgetaucht: Das Borghorster Stiftskreuz.

          Am ehesten einen Überblick hat der kirchliche Versicherungsmakler Ecclesia in Detmold, der die evangelischen Kirchen in Nordrhein-Westfalen, drei der fünf Bistümer, Caritas und Diakonie zu seinen Kunden zählt. Kunstwerke wie das kürzlich wiederaufgetauchte Borghorster Stiftskreuz, die oft, da unwiederbringlich, gar nicht versichert würden, „werden“, so Lutz Dettmer von Ecclesia, „selten gestohlen“, doch mit den Einbrüchen in Wohnungen nähmen auch die in Pfarr- und Gemeindehäuser zu, wo dann Laptops oder Beamer entwendet würden. So sei man sich der „Risikosituation insgesamt“ bewusster geworden, insbesondere Kirchen, die den ganzen Tag offen stehen, würden besser geschützt.

          Sicherheitsmaßnahmen sind umstritten

          Inzwischen hätten, so berichtet Kreisdechant Guido Zimmermann, der in Zülpich für 21 Gemeinden verantwortlich ist, die Versicherungen ein Zusatzangebot für offene Kirchen aufgelegt. „Wichtig ist, dass Kirchen grundsätzlich offen sind“, sagt der Pfarrer: „Das ist auch Glaubenszeugnis, wir müssen eine einladende Kirche sein. Es gibt keinen Tag, an dem nicht jemand eine Kerze anzündet. Wenn das fehlen würde, hätten die Menschen keine Möglichkeit mehr, ihr Anliegen vor Gott zu bringen.“ Den Preis dafür nennt er auch: „Es kommt vor, dass der Beichtstuhl mit einer Toilette verwechselt wird.“

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          „Altarraum nicht betreten – Alarmgesichert“: Solche Schilder wie in St. Hippolytus in Troisdorf stehen in immer mehr Kirchen. Doch Videokameras sind, da sich Gläubige bei der Ausübung ihres Glaubens beobachtet fühlen, umstritten. Ob und welche Sicherheitsmaßnahmen getroffen werden, sei, so Zimmermann, Sache der Kirchenvorstände, das reiche von der ganz offenen Kirche über abgesperrte Altarbereiche und eingeschränkte Öffnungszeiten mit ehrenamtlichem oder angemietetem Aufsichtspersonal bis zu Kirchen, für die der Schlüssel im Pfarrbüro liegt. In ländlichen Gegenden, so resümiert er, sei die Achtung vor Kirchen deutlich höher als in den Städten. Aber das Kölner Karnevalsproblem wird am Rosenmontag auch in Zülpich virulent. Ein Teil der Lösung ist, dass der Rosenmontag der einzige Tag im Jahr ist, an dem die Kirche St. Peter nach dem Frühgottesdienst geschlossen bleibt.

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