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Geschichtspolitik : Kölns Höllentor

Das EL-DE-Haus wurde im Auftrag des Kölner Gold- und Uhrengroßhändlers Leopold Dahmen 1934/35 nach den Plänen des Architekten Hans Erberich am Appellhofplatz erbaut und 1935 von der Gestapo beschlagnahmt. Bild: Wikimedia Commons, Raimond Spekking

Zwölf Tore zählten die Kunsthistoriker in der Kölner Stadtmauer, woraus sie schlossen, dass die Stadt als Abbild des himmlischen Jerusalems geplant gewesen sei. Was ins Bild solcher Legenden nicht passt, zeigt das NS-Dokumentationszentrum, dessen Zukunft kurzzeitig gefährdet aussah.

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          Besucher der Internetseite der Stadt Köln werden unter dem Rubrum „Veedel“ auch über den Bau der Stadtbefestigung im Jahr 1180 unterrichtet. „Die Kölner bestanden darauf, dass diese Landmauer, ebenso wie das ‚himmlische Jerusalem‘, 12 gewaltige Torburgen bekommt.“ Bei dieser Vorstellung, dass das mittelalterliche Stadtbild Kölns die Himmelsstadt der Offenbarung des Johannes nachbilde, handelt es sich wohl um eine moderne wissenschaftliche Legende. Markus Jansen wies 2018 in einem Aufsatz in den „Mitteilungen aus dem Stadtarchiv von Köln“ darauf hin, dass das Köln der reichen Kaufleute und Kleriker zu prächtig war für eine fromme Modellbaustelle: Die rheinische Weltmetropole hatte mindestens zwei Tore mehr als die Monsterstadt der johanneischen Vision. Vor allem aber fehle in den schriftlichen Quellen jeder Hinweis, dass die Kölner die Parallele wahrgenommen, geschweige denn auf ihr bestanden hätten.

          Die Suggestionskraft der Jerusalem-These, die der frühere Landeskonservator Udo Mainzer 1973 in seiner Kölner Dissertation über „Stadttore im Rheinland“ in die Welt setzte, erklärt sich vielleicht aus der Erinnerung an das Wunder des Wiederaufbaus nach 1945. Dass das neue alte Köln als himmlisch dimensionierte Stätte wahrgenommen werden konnte, belegt der Bericht einer Besucherin aus dem Jahr 2004. „Ja, ich war acht Tage im Paradies, das die Menschen geschaffen haben, die sich von Krieg und Gewalt losgesagt haben. Für alles, was ich gesehen und gehört habe, danke ich Gott und dem gastfreundlichen Köln.“ Das schrieb eine ehemalige Zwangsarbeiterin aus der Ukraine, die für einen Tag länger, als laut dem Buch Genesis die Schöpfung der Welt benötigt hatte, in einer Gruppe von Leidensgenossen als Gast der Stadt an den Ort ihrer Sklavenarbeit zurückgekehrt war. Sie besichtigte auch das NS-Dokumentationszentrum (NS-Dok), das die Besucher betreute, im EL-DE-Haus, dem zeitweiligen Gestapo-Hauptquartier am Appellhofplatz. Im Jahresbericht des Zentrums für 2003/04 ist ihr Bericht als Übersetzung eines Artikels der ukrainischen Zeitung „Zorja Polissja“, abgedruckt, eine erschütternde moderne Variante des Quellentypus des Pilgerzeugnisses.

          Stadtbildpflege heißt Reklame

          Schlagend ist in Jansens quellenkritischem Aufsatz der mentalitätsgeschichtliche Schlussgedanke: Hätte die Mauer wie das himmlische Jerusalem aussehen sollen, „dann hätte von allen Städten des Mittelalters gerade Köln dies deutlich für sich in Anspruch genommen“. Stadtbildpflege hieß und heißt in Köln Reklame. Der geschichtspolitische Masterplan der Stadtverwaltung sieht vor, die historischen Museen als „Historische Mitte“ zusammenzuführen und über einen touristischen Trampelpfad mit dem erfundenen lateinischen Namen Via Culturalis zu erschließen.

          Soeben konnte abgewehrt werden, dass auch das EL-DE-Haus sich diesem Marketing der kurzen Wege unterwerfen muss. Die Stelle des Direktors wird jetzt doch ausgeschrieben; der Kulturdezernent hatte das im Interesse „einer stringenten Präsentation von 2000 Jahren Kölner Geschichte aufschieben wollen“. Das Dokumentationszentrum ist eines der frühesten seiner Art. Hier ist Köln dem mit der Größe der Stadt gegebenen Anspruch gerecht geworden, dank einer bürgerschaftlichen Initiative, die erreichte, dass die Folterkeller der Gestapo zum Gegenstand der Denkmalpflege wurden. Früh arbeitete man mit Gunter Demnig, dem Erfinder der „Stolpersteine“ zusammen.

          Schon 2002, beim Ausscheiden des Gründungsdirektors Horst Matzerath, gab es den Versuch der Verwaltung, diesen authentischen Ort der Geschichtswerkstättenbewegung dem Stadtmuseum zu unterstellen. Damals blieb die Unabhängigkeit erhalten, und der nun ausgeschiedene Werner Jung, der seit 1986 im EL-DE-Haus arbeitete, wurde zum Direktor ernannt. Mit Erfolg mobilisierte der Trägerverein des Hauses jetzt die Kölner Stadtgesellschaft gegen dessen Eingemeindung in ein Konzept, das noch nicht einmal auf dem Papier steht. Im Kulturausschuss des Stadtrats wandten sich die Fraktionen von der Verwaltung ab, was in Personalangelegenheiten der Kölner Kulturpolitik in jüngerer Zeit nicht mehr vorkam.

          In einem Brief an Oberbürgermeisterin Henriette Reker legten vier Professoren des Historischen Instituts der Universität zu Köln dar, dass die Fortsetzung der professionellen wissenschaftlichen Arbeit des Dokumentationszentrums den Fortbestand von dessen Autonomie zur Voraussetzung habe. „Das NS-Dok ist aus der Sicht von uns ZeithistorikerInnen der Universität zu Köln als ein zentraler und zugleich eigenständiger Ort nicht nur von Dokumentation, sondern auch von Wissenschaft und historisch-politischer Bildung unentbehrlich. Wir können aus eigener Anschauung bekunden: Das NS-Dok hat in den letzten Jahrzehnten seine Ansätze schlüssig und im Rahmen der Stadtpolitik wie der Wissenschaft konsensual erweitert. Es bedarf für das NS-Dok keiner Neukonzeption oder neuen Anbindung.“ Wer Köln durch das Tor des EL-DE-Hauses unter den Initialen von Leopold Dahmen, dem von der Gestapo beraubten Erbauer des Gebäudes, betritt, wird froh sein, dass in der Stadt nicht immer alles stringent verlief.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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