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Kölner Eisdiele : Ciao, Campi!

Eine Ära geht in Köln zu Ende: Gründerin Gennarina Campi hatte in ihrer legendären Eisdiele schon Romy Schneider und Maria Callas zu Gast. Nun wird auch das Restaurant im Funkhaus verabschiedet.

          Aufmerksame Hörer wollen einen Spannungsabfall bemerkt haben: Bei vielen Moderatoren des Westdeutschen Rundfunks in Köln sei die Luft raus, matt, müde und meinungsmild säßen sie seit ein paar Tagen vor ihren Mikrofonen. Das soll nicht am Wetter, der Grund dafür soll gleich neben der Haustür liegen. Auf der Ecke sind die Lichter ausgegangen, „Campi im Funkhaus“ wurde geschlossen: der orange Namenszug ausgeknipst, die Markisen eingerollt, keine Tische und Stühle mehr, die den Platz zur Piazza machen. 1997 hatte der Gastronom Pierluigi (genannt „Gigi“) Campi die frikadellenfettige Kantine im Funkhaus am Wallrafplatz übernommen, sie entbunkert und in ein helles, einfaches und doch stilvolles Ristorante verwandelt, an dessen Bar so mancher Hörfunk-Mitarbeiter noch schnell den letzten Espresso-Kick für die Sendung kippte.

          Himbeereis und Zitronenmilch

          Tempi passati. Der WDR will ein anderes Konzept, mehr mitreden, einbezogen werden, eine kleine Bühne einbauen, vielleicht von hier aus Sendungen übertragen. Weshalb er den Vertrag mit Campi nicht verlängert und sich einen neuen Pächter gesucht hat. So geht zweieinhalb Jahre nach Gigis Tod eine große Tradition zu Ende. Denn Campi, seit 1926 in Köln zu Hause, war eine Institution in der Stadt. 1948 eröffnete Gennarina Campi mit dem damals zwanzigjährigen Gigi auf der Hohen Straße 134b eine Eisdiele, die zum Hotspot der alten Colonia wurde, die Salon, Künstlerkneipe, Jazzlokal und Szenetreff in einem war: Die junge Romy Schneider schlotzte am liebsten Himbeereis, Maria Callas bestellte immer Zitronenmilch zum Caffè, Cage, Boulez und Stockhausen, Adorno, Metzger und Helms redeten sich die Köpfe heiß, Brandt und Wischnewski stärkten sich für den Wahlkampf, Kenny Clark und Francy Boland hat Gigi hier miteinander bekannt gemacht, Duke Ellington und Louis Armstrong schauten vorbei, und als einmal Caterina Valente im Fenster saß, kam es zu einem Menschenauflauf. „Campi gehört zu Köln wie 4711“, schwärmte Kurt Hackenberg, der langjährige Kulturdezernent.

          Bis 1980, als schon einmal der Vertrag nicht verlängert wurde. An die legendäre Zeit konnte Campi im Funkhaus nicht anknüpfen, und doch war es ein Ort von schlichter Eleganz und mediterranem Flair, der die informelle Begegnung und den legeren Austausch pflegte. Ohne ihn hat Köln wieder etwas weniger Grund, sich für die nördlichste Stadt Italiens zu halten.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

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