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Im Kölner Dom : Warum wird das Schmähbild nicht entfernt?

Das antisemitische Schimpfwort „Saujud“ hat eine seiner Wurzeln in der „Judensau“, wie sie im Kölner Dom und vielen anderen Kirchen dargestellt ist. Bild: Hohe Domkirche Köln, Dombauhütte

Im Chorgestühl des Kölner Doms findet sich auf einer Doppeltafel eine der ältesten Darstellungen der „Judensau“. Seit Jahren wird seine Entfernung gefordert. Stattdessen schreibt das Domkapitel einen Wettbewerb für ein zeitgenössisches Gegenwerk aus.

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          Das Hohe Dom-, Kathedral- und Metropolitankapitel zu Köln schreibt einen Kunstwettbewerb aus. Wie Weihbischof Rolf Steinhäuser in der Kirchenzeitung des Erzbistums ankündigte, soll für den Dom ein „zeitgenössisches Kunstwerk mit der Darstellung von Juden und Christen“ geschaffen werden, und zwar mit einer Darstellung, „die unserem jetzigen Selbstverständnis entspricht“.

          Das Verhältnis der Christen zu den Juden ist in jedem Kirchenbau thematisch. Die jüdische Bibel ist als erste Hälfte in die Bibel der Christen eingegangen, denen die Botschaft des Neuen Testaments als Erfüllung und Überbietung der mit dem Alten Testament an die Juden ergangenen Verheißung gilt. Wo Bildwerke den Kirchenraum gliedern, lenken Korrespondenzen von Altem und Neuem Bund die Blicke der Gläubigen: Moses und Christus, Propheten und Apostel verweisen aufeinander. Betrachtet man die Kirche in ihrer heilsgeschichtlichen Funktion, sind die Juden in ihr sogar allgegenwärtig, nämlich an den Leerstellen. Es gibt die Kirche nur, weil sich noch nicht die ganze Menschheit zu Christus bekehrt hat und insbesondere die Juden ihn noch nicht als ihren Messias erkannt haben. Der katholische Philosoph Robert Spaemann sagte deshalb, dass den Juden eigentlich in jeder Kirche die erste Bank freigehalten werden müsste.

          Es soll im Wettbewerb des Domkapitels wohl kein bestimmter Aufstellungsort für das siegreiche Werk vorgegeben werden, das sich der Weihbischof als „großen Wurf“ vorstellt. Schon jetzt sichtbar ist aber die gedankliche Opposition zu einem Bildwerk, das sich seit dem vierzehnten Jahrhundert im Dom befindet: einer Doppeltafel des Chorgestühls. Dort sind links Juden dargestellt, an den spitzen Hüten erkennbar, die eine Sau hochhalten, ein nach ihrem Gesetz unreines Tier. Einer saugt an den Zitzen. Rechts sieht man eine zweite Sau und zwei weitere Juden. Einer führt einen Jungen mit Heiligenschein an der Hand herbei. Das wird als Darstellung der verleumderischen Legende vom Brauch des Ritualmords gedeutet, so auch im Standardwerk über das Motiv der „Judensau“, das der israelische Kunsthistoriker Isaiah Shachar 1974 in der Schriftenreihe des Warburg-Instituts veröffentlichte.

          Der Münchner Aktionskünstler Wolfram Kastner lenkte 2005 mit der Forderung nach Anbringung eines Hinweisschilds die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf die Kölner Schnitzarbeiten. Ein Jahr später veranstaltete die Karl-Rahner-Akademie, die keine Einrichtung des Erzbistums ist, eine Tagung zum Thema „Der Kölner Dom und ’die Juden’“, deren Vorträge 2008 im Jahresband des „Kölner Domblatts“ abgedruckt wurden. Zehn Jahre später ließen die Dombauverwaltung und der Zentral-Dombau-Verein den Band nachdrucken. Aus diesem Anlass gab es sogar einen Fototermin mit Honoratioren der christlich-jüdischen Zusammenarbeit. Nur geschehen ist nichts. Auch die frühere Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner, die sich nicht nur dank ihrer Präsenz in der Lokalpresse einer großen Beliebtheit in Köln erfreut, lehnte Veränderungen ab.

          Ein Gedenkjahr lädt ein zu symbolischem Handeln

          Den Anlass für den Wettbewerb bietet jetzt der Umstand, dass das Jahr 2021 zum Gedenkjahr zur Feier von 1700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland ausgerufen worden ist. Das Gedenkprogramm, das unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten steht, wird neues Interesse auf die mittelalterliche Vorgeschichte des modernen Antisemitismus lenken. Weihbischof Steinhäuser nutzte ein gemeinsames Interview mit dem Kölner Rabbiner Yechiel Brukner, um das Projekt bekanntzumachen. Rabbi Brukner erneuerte bei dieser Gelegenheit die Forderung, die „antijüdischen Darstellungen“ im Dom zu beseitigen und stieß damit bei seinem Gesprächspartner auf ein vielsagendes, wohlkalkuliertes Schweigen. Die Medienstrategie der vorauseilenden Einbindung von Kritikern im Zeichen von Sensibilität und Dialog entspricht dem Vorgehen der Kölner Kirchenbürokratie in der Missbrauchsaffäre.

          Nur äußerlich wird die Gegenüberstellung von altem und neuem Werk die Tradition der geschichtstheologischen Kirchenraumordnung fortsetzen. Das heilsgeschichtliche Schema der erfüllenden Überbietung passt hier nicht. Wo das Alte Testament sich im Lichte des Neuen mitnichten als unwahr darstellt, da soll das zeitgenössische künstlerische Konzept das mittelalterliche Zerrbild dementieren. Denn für die Dombauhütte sind die Reliefs mit dem europaweit verbreiteten judenfeindlichen Motiv „in ihrer perfiden Polemik kaum erträglich“. Warum werden sie dann aber nicht entfernt und ins Diözesanmuseum verbracht?

          Die Hohe Domkirche verweist auf eine höhere Macht: den Denkmalschutz. Wer will das glauben? In anderen Kirchen hat die Kirche in jüngster Zeit ohne Rücksicht auf den Denkmalschutz ganz andere Eingriffe in die Substanz vorgenommen. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz fördert die Renovierung der Abtei Tholey nicht mehr, weil ein frühgotisches Portal abgerissen würde. Der Berliner Erzbischof Heiner Koch, Kölner Ehrendomherr, lässt den von Hans Schwippert gestalteten Innenraum der Hedwigskathedrale zerstören. Zur Rechtfertigung werden liturgische Bedürfnisse bemüht. Gerade erst hat das Landgericht Hannover im Streit um den Einbau eines Fensters von Markus Lüpertz in die evangelische Marktkirche den Vorrang der kirchlichen Selbstbestimmung vor dem Denkmalschutz festgestellt. Das Kölner Domkapitel muss selbst bestimmen, ob es Gottesdienst in einer Kirche feiern will, in der Juden als Kindermörder dargestellt werden.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

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