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Kölner Archiv-Prozess : Nur diese fünf?

Nach dem Einsturz: Unter Flutlicht arbeiten Rettungskräfte in den Trümmern des Archivs. Bild: dpa

Im Strafprozess um den Einsturz des Kölner Archivs sitzen fünf Angeklagte, allesamt aus der unteren Verantwortungsebene. Das sorgt für Spannungen.

          Den Strafprozess um das Kölner Stadtarchiv, der am vergangenen Mittwoch endlich begann, begleitet ein Unbehagen. Nicht nur, weil die Ermittlungen sich so lange hinzogen, dass er erst knapp neun Jahre nach dem Einsturz am 3. März 2009 eröffnet wurde. Nicht nur, weil keine vierzehn Monate mehr bleiben, um zu verhindern, dass Verjährung eintritt. Und auch nicht nur, weil einer der Beschuldigten 2017 verstorben und ein anderer, ein Baggerfahrer, schwer herzkrank und nicht vernehmungsfähig ist. Sondern auch, weil nur fünf Personen auf der Anklagebank sitzen: ein Polier für Spezialtiefbau und zwei Bauleiter, die sich wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung verantworten müssen, sowie zwei Mitarbeiter der Kölner Verkehrs-Betriebe (KVB), ein Bauüberwacher und seine Vorgesetzte, denen Unterlassung vorgeworfen wird.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese fünf sollen, so die Staatsanwaltschaft, die Katastrophe verschuldet haben. Nur diese fünf? Alle fünf gehören der untersten Verantwortungsebene auf der großen, hochkomplexen U-Bahn-Baustelle an. Schon 2005 seien, so die Ermittler, die Bauarbeiter auf dem Boden der ausgehobenen Haltestelle Waidmarkt bei der Herstellung einer Stützwand auf einen Gesteinsblock gestoßen, an dem sich der Schaufelbagger die Zähne ausgebissen habe.

          Der Polier habe daraufhin unter Zeitdruck entschieden, das Hindernis im Boden zu belassen, und, statt die Mängel zu melden, die Daten der „Problemlamelle elf“ gefälscht. In der Betonwand sei ein Loch, eine sogenannte Erdplombe, zurückgeblieben, durch das am Tag des Einsturzes Sand, Kies und Wasser eingedrungen und ein Hohlraum entstanden sei, in den das sechsgeschossige Gebäude kollabierte. Zwei junge Männer, die im Nachbarhaus wohnten, wurden in den Tod gerissen.

          Dreieinhalb Jahre fragte keiner nach

          Für den Prozess sind 126 Verhandlungstage angesetzt. Auch hier herrscht großer Zeitdruck, mit dem Urteil ist erst in einem Jahr zu rechnen. Bis zum Beweis des Gegenteils gilt die Unschuldsvermutung. Doch waren den Ausführungen der Staatsanwaltschaft an den ersten beiden Tagen auch Erkenntnisse und Einschätzungen zu entnehmen, die über individuelle Schuldfragen hinausgehen und Mängel in der Organisation der Baustelle, in den Arbeits- und Kontrollabläufen ansprechen. Auch wenn sich nicht genau bemessen lässt, ob und inwieweit sie zum Einsturz beigetragen haben, verweisen sie auf strukturelle Schwachstellen. Deshalb sind sie von allgemeinem Interesse: Es geht darum, wie Großprojekte besser und sicherer gemanagt werden können. Eine Frage der öffentlichen Sicherheit.

          In Köln scheinen gleich mehrere Kontrollinstanzen vernachlässigt oder aufgehoben worden zu sein. Die Vorgänge in siebenundzwanzig Meter Tiefe ließen sich, schon weil sie mit hohem technischem Aufwand verbunden sind, nicht leicht überprüfen. Doch die Fehler wurden, so die Anklage, im September 2005 begangen. Dreieinhalb Jahre konnten sie geheim gehalten werden; dreieinhalb Jahre hat offenbar niemand nachgefragt oder nachgeschaut. Der für die Bauüberwachung zuständige KVB-Mitarbeiter soll die Baustelle nicht einmal betreten, sondern nur von außen fotografiert haben.

          Auf den Aufnahmen seien, so Staatsanwalt Torsten Elschenbroich, bei sorgfältiger Betrachtung die zerschnittenen Eisenkörbe der schadhaften Lamelle zu erkennen – eine Manipulation, die bei Kontrollen ebenso hätte auffallen müssen wie der Umstand, dass an dieser Lamelle zu wenig Beton verbaut wurde. Auch andere Mitarbeiter haben offenbar nicht genau hingesehen. Da nicht direkt zuständig, waren sie dazu auch nicht verpflichtet.

          Verantwortlich fühlt sich niemand mehr

          Großbaustellen haben heute kompliziert verschachtelte Organisationsformen mit Sub- und Subsubunternehmen, in denen jeder darauf bedacht ist, sich auf seinen Teilbereich zurückzuziehen und sich rechtlich abzusichern. Zum achten Jahrestag des Einsturzes 2017 hatte ein Experte für Spezialtiefbau, der auf der Baustelle tätig war (und nicht genannt werden wollte), gegenüber der „Kölnischen Rundschau“ erklärt, dass jede Entscheidung, selbst die kleinste, nur mit Gutachter und Anwalt getroffen worden sei. Verantwortlich für das Gesamtvorhaben fühlt sich da niemand mehr. In der Folge entstehen Koordinations-, Kommunikations- und Sicherheitslücken. Dazu passt, dass der Anwalt der KVB-Mitarbeiterin auf den Vorwurf, seine Mandantin sei untätig geblieben, entgegnete, sie sei „auf eine Mauer aus Verschweigen, Manipulation und Fälschung“ gestoßen.

          Eine Gesamtverantwortung, wie sie früher das Amt für Brücken, Tunnel und Stadtbahnbau innehatte und heute kein Generalunternehmer mehr zu tragen bereit ist, aber obliegt auch dem Bauherrn. Das umso mehr, wenn er wie die KVB für den Bürger im Auftrag der Öffentlichkeit baut. Zu seinen Aufgaben gehört es, die Arbeiten zu begleiten und sie, schon aus Interesse an Risikoabwehr, auch zu überprüfen. Das Gesetz verpflichtet ihn dazu, das Bauwerk standsicher zu erstellen. Angeklagt werden, weil er seiner Pflicht nicht nachgekommen ist, kann er nicht. Es sollte nicht dabei bleiben, das zu beklagen.

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