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Köhler in Israel : Reich Ranicki: Diese Boykottdrohung ist unbegreiflich

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Sprache als Vaterland: Marcel Reich-Ranicki Bild: AP

In Israel gibt es Proteste gegen die Absicht von Bundespräsident Köhler, vor der Knesset deutsch zu sprechen. Ein Gespräch mit Marcel Reich-Ranicki über die deutsche Sprache und die Vorgänge in Israel.

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          Aus Anlaß des vierzigsten Jahrestags der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland soll Bundespräsident Horst Köhler während seiner Israel-Reise auch vor der Knesset sprechen. Jetzt haben Abgeordnete des israelischen Parlaments mit Boykottdrohungen auf die Ankündigung Köhlers reagiert, er werde seine Rede in deutscher Sprache halten.

          Einige Abgeordnete verlangen, daß Köhler seine Rede auf Englisch hält; der stellvertetende Knesset-Präsident Hemi Doron kündigte an, er werde einen Antrag stellen, um die gesamte Veranstaltung zu verhindern. Wir haben mit Marcel Reich-Ranicki, einem der letzten Überlebenden des Warschauer Ghettos, über die Vorgänge in Israel gesprochen.

          Frage: Solange noch Überlebende des Holocaust am Leben seien, sollte die deutsche Sprache nicht in der Knesset gesprochen werden - mit diesem Argument soll der deutsche Bundespräsident davon abgehalten werden, eine Rede aus Anlaß eines erfreulichen israelisch-deutschen Jubiläums zu halten. Sie und Ihre Frau haben die Schrecken der Nazis erleiden müssen. Können Sie die Reaktionen und Argumente der israelischen Abgeordneten nachvollziehen?

          Ich finde diese Boykottdrohung nicht nur betrüblich, sondern auch beschämend und letztlich unbegreiflich. Die in Israel die Verwendung der deutschen Sprache verhindern wollen, behaupten, sie sei durch die nationalsozialistischen Verbrechen diskreditiert, sie würde das Andenken der Holocaust-Opfer schänden. Das ist blanker Unsinn.

          Wahr ist vielmehr, daß die deutsche Sprache von den Nazis mißbraucht und von Hitler und vielen seiner engsten Mitarbeiter auf ungeheuerliche Weise verhunzt wurde. Den Politikern, die in Israel gegen die deutsche Sprache protestieren, ist offenkundig nicht bekannt, welche Rolle deutschsprachige Juden in der Entwicklung der modernen geistigen Welt gespielt haben.

          Wir können uns die Physik ohne Albert Einstein, die Psychologie ohne Sigmund Freud, die Soziologie ohne Karl Marx, die Literatur ohne Franz Kafka und die moderne Musik ohne Gustav Mahler und Arnold Schönberg nicht mehr vorstellen - sie alle waren deutschsprachige Juden. Der erste Präsident des Staates Israel sollte ein deutscher Jude sein: Albert Einstein, der jedoch die ehrenvolle Einladung nicht annehmen konnte.

          Hatte nicht Theodor Herzl, der Programmatiker des Zionismus, Deutsch als Amtssprache in der neuen Heimat der Juden vorgesehen?

          So ist es. Bedenkt man, welche Rolle gerade diese Sprache in der Geschichte der Juden in der Neuzeit gespielt hat, dann ist es auch gar nicht verwunderlich. Der Zionismus ist, so kann man tatsächlich sagen, in deutscher Sprache entstanden. Den entscheidenden Anstoß zur Gründung der zionistischen Bewegung gab Theodor Herzl mit seiner 1896 in deutscher Sprache geschriebenen und erschienenen Schrift „Der Judenstaat“. Die erste und umfassendste Vision des künftigen jüdischen Staates findet sich in Herzls 1902 veröffentlichten und natürlich deutsch geschriebenen Roman „Altneuland“.

          Herzl wird in Israel als Begründer der zionistischen Bewegung und als Prophet des jüdischen Staates verehrt und gefeiert. Wann immer man seiner gedenkt, wird das Motto zu „Altneuland“ zitiert: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.“ Wer sein Grab in Jerusalem und das Herzl gewidmete Museum aufsucht, findet dieses Motto, das Programm und Vision zugleich ist, in deutscher Sprache. Herzl hat in der Tat lange erwogen, Deutsch in Israel zur Landessprache zu machen.

          Sie haben die deutsche Literatur immer mit Heinrich Heine als ihr „portatives Vaterland“ betrachtet. Wurden Sie von jüdischer Seite dafür kritisiert, daß Sie die deutsche Literatur nicht aufgeben wollten?

          Die in Israel so heftig gegen die deutsche Sprache protestieren, wissen nicht, welch eine außerordentliche Rolle Juden in der deutschen Literatur der Vergangenheit gespielt haben (neben Kafka etwa Heine, Döblin, Schnitzler) und ebenfalls in der Literatur und Philosophie nach 1945. Hier sind vor allem Paul Celan und Peter Weiss zu nennen, Adorno und Horkheimer, Ernst Bloch und Herbert Marcuse.

          Der Kampf dieser Minderheit gegen die deutsche Sprache erinnert an die hartnäckigen Proteste in Israel gegen Richard Wagner. Auch dieser Kampf steht im Widerspruch zur jüdischen Tradition. Wagner gehört zu den aggressivsten Antisemiten in der Geschichte der Kultur. Aber unter den bedeutenden Wagner-Dirigenten war immer schon der Anteil der Juden besonder groß - von Hermann Levi, der die „Parsifal“-Uraufführung leitete, über Bruno Walter und Otto Klemperer bis Leonard Bernstein und Georg Solti, bis zu Daniel Barenboim und James Levine. Sie alle hielten und halten Wagners Musik für wichtiger als seine Publizistik, zumal jene Arbeiten, die Hassausbrüche eines Wirrkopfs sind.

          In wenigen Monaten gedenkt die Welt des Kriegsendes vor sechzig Jahren. Noch immer wird die Frage diskutiert, ob die Verbrechen des Nationalsozialismus die deutsche Sprache unwiderruflich diskreditiert haben. Wird diese Diskussion je ein Ende finden?

          Man wird in Israel nicht mehr lange darüber diskutieren, ob man in Konzerten Wagner spielen und im Parlament deutsch reden darf. Die jetzt aufwachsende Generation israelischer Juden kümmert sich überhaupt nicht um derartige Fragen. Und das ist erfreulich.

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