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Abgesagtes Oktoberfest : Koa Wiesn

Diesmal gilt zur Wiesn-Zeit Alkoholverbot auf der Theresienwiese: Für die Einhaltung sorgt an diesem Samstag Polizei auf dem Oktoberfest-Gelände unterhalb der Bavaria-Statue. Bild: dpa

Ein paar Unerbittliche, ein paar Polizisten – sonst ist die Bavaria allein auf der Theresienwiese, wo an diesem Samstag das Münchner Oktoberfest hätte eröffnet werden sollen. Vieles rauscht ihr durch den Kopf.

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          Ihre Ahnung ist längst der Gewissheit gewichen. Kamen ja auch keine Arbeiter im Juli, um die Zelte und Fahrgeschäfte aufzubauen. Alles wüst und leer auf der Theresienwiese, die keine ist. Irgendwas ist anders in diesem Jahr. Ein Krieg ist es nicht, denkt die Bavaria, das hätte man gehört. War überhaupt auffallend ruhig, der Himmel leer. An so eine Stille kann sie sich nicht erinnern, trotz ihrer hundertsiebzig Jahre. Wirklich traurig ist sie nicht, dass einmal nichts ist. Hat zuletzt immer mehr aushalten müssen, jedes Jahr im September. Dieser Lärm, bis in die späte Nacht. Die vielen Vorglüher und Bierleichen, die Wildbiesler und Überallerbrecher, die Trachtenpreußen, die italienischen Wohnmobilisten, die australischen Oben-Ohne-Cheerleader, die armen Sanitäter und die Polizisten, die alle Hände voll zu tun hatten, dem vernebelten Volk den Weg zu weisen oder gar das Leben zu erhalten.

          Freilich, der Duft gebrannter Mandeln, die Schwaden vom Ochsengrill, frische Brezen, die ganze Welt in Verkleidungs- und Feierlaune, und das viele Geld, das es in die Stadt schwemmt. Vieles rauscht ihr durch den Kopf, den man nach zweiundfünfzig Stufen erreicht, sie ist innen hohl. „Die begehbare Frau“, so hat sie einst ein Feuilletonist der „Süddeutschen“ genannt, ausgerechnet einem Zugezogenen aus Gelsenkirchen musste so etwas einfallen. Nur einem aus Passau Zugezogenen wie dem Jonas Bruno kann einfallen, dass die Bavaria bedeutender als die Freiheitsstatue ist, weil die bloß aus Kupferplatten zusammengenietet ist, und nicht, wie die bayerische Landesmutter, aus Bronze gegossen, entworfen vom Schwanthaler Wiggerl himself.

          Apropos Amerika: Gut erinnert sich die Bavaria noch an diesen Kraftlackl aus Nord Carolina, der 1927 das erste Mal die Wiesn besuchte und sogleich das wahre Herz Deutschlands gefunden zu haben meinte, das er als einen „einzigen gewaltigen Schlund“ beschrieb. In einem Zustand „tierischer Betäubung“ offenbarte sich ihm „etwas „Übernatürliches“. Vermutlich eine Mass zu viel. Ein Jahr später hat man dem Kerl, Thomas Wolfe sein Name, Schriftsteller von Beruf, bei einer Bierzeltschlägerei so dermaßen eine aufgestrichen, dass er sich nur mühsam erholte. Bei einem Besuch in Oberammergau platzte seine Kopfwunde wieder auf, und Pontius Pilatus und Judas haben ihn zusammengeflickt, Laiendarsteller der Passionsspiele, im Zivilberuf Arzt und Krankenpfleger. Die gute alte Zeit? Ein wenig sentimental geworden, fragt sich die Bavaria, ob die Münchner auch nächstes Jahr wieder „Koa Wiesn“-T-Shirts anziehen müssen, auf die der Kernsatz der bavarischen Philosophie gedruckt ist – „Schau ma moi, dann seng mas scho!“.

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

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