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Knuts Zukunft : Der Eisbär unserer Herzen

So mancher niedliche Teddy wurde später zum Problembären Bild: AP

Knut ist gerettet - doch seine Geschichte geht weiter. Wir haben in des Bären Zukunft geschaut und eine bemerkenswerte Karriere gesehen. Doch was haben Angelina Jolie, Christian Klar und Tokio Hotel damit zu tun?

          Knut ist gerettet - vorerst. Doch das Schicksal des kleinen Eisbären, der von seiner Mutter verstoßen wurde, im Berliner Zoo von Hand aufgezogen wird und zum Coverbär der um sein Leben bangenden „Bild“-Zeitung aufstieg (siehe: Wollen Tierschützer den Tod eines Eisbären?), wird uns gewiss noch weiter bewegen. Darf er weiterhin per Flasche gefüttert werden oder führt die laut Tierschützern „nicht artgerechte“ Behandlung zu Verhaltensstörungen? Wird Knut zum Problemeisbären, dem man eine Sonderbehandlung durch Experten aus Bayern verordnen muss? Noch wartet die Welt sehnlichst darauf, dass der beliebteste Bär Berlins an das Licht der Öffentlichkeit tritt; wir blicken schon einmal in die Zukunft und erzählen, wie es mit Knut weitergeht.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          22. März. Die Todesspritze scheint abgewendet - doch die „Bild“-Zeitung kocht das Thema weiter. Auf ihrer Titelseite präsentiert sie neben der Schlagzeile „Wir sind Knut“ die Fotos von hundert Prominenten, die sich mutig dagegen aussprechen, den süßen Bären totzuspritzen, abzustechen, vierzuteilen, zu teeren oder zu federn. Die Firma Steiff kann den massenhaft angestiegenen Bedarf an Plüsch-Eisbären nur dadurch decken, dass sie Tausende von Braun- und Pandabären umfärbt. Dem Eishockeyclub „Eisbären Berlin“ gelingt es, seine Zuschauerzahlen zu verdoppeln. Und selbst die berüchtigten Fans der Fußballclubs Hertha, Union und FC Berlin haben ihre Tierliebe entdeckt. Statt ihres altbekannten Slogans „Wir wollen Blut sehen“ skandieren die Hooligans vor dem Zoo-Tor einträchtig „Wir wollen Knut sehen“.

          24. März. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit macht Knut zur Chefsache. Instinktiv erkennt Wowereit den hohen Symbolwert des Tieres: Knut lebt von der Hand im Mund, hängt an der Flasche und ging noch nie einer geregelten Arbeit nach, womit er repräsentativ ist für knapp die Hälfte der Berliner Bevölkerung. Folgerichtig erklärt Wowereit Berlin zur Eisbärstadt Nummer eins und kündigt an, den schwarzen Bären auf dem Stadtwappen durch einen weißen zu ersetzen. Die PDS wirft ihm daraufhin Rassismus vor; die Koalition zerbricht. Knut wird zum Wahlkampfthema.

          Blick in die Zukunft: Des Medienrummels überdrüssig, tarnt sich Knut als Elefant. Wird man ihm die Scharade abnehmen?

          27. März. Mit einem anrührenden Live-Auftritt erweisen deutsche Popgrößen von Heinz Rudolf Kunze bis Tokio Hotel dem Jungbären ihre Reverenz. Ihr Benefiztitel „Ich möchte ein Eisbär sein“ (von den Erlösen darf der Zoo Knut einen goldenen Käfig bauen) steigt sofort an die Spitze der Charts; besonders bewegend ist der Bühnentanz des reaktivierten Eisbären aus Grönemeyers „Mensch“-Video.

          28. März. Knut wird in die große Familiendebatte verwickelt. Der Kriminologe Christian Pfeiffer warnt vor einer seelischen Verwahrlosung des Bären und kritisiert insbesondere Knuts Mutter, eine ehemalige DDR-Zirkusbärin, der die eigene Karriere wichtiger gewesen sei als der Nachwuchs. Es fällt das böse Stichwort „Rabenbär“. Familienministerin Ursula von der Leyen reagiert prompt und kündigt ein Programm an, das die Zahl der Bärenplätze im Zoo bis zum Jahr 2010 verdreifachen soll.

          31. März. Aus dem Gefängnis meldet sich Christian Klar zu Wort. „Die Welt ist geschichtlich reif dafür, dass die zukünftigen Neugeborenen in ein Leben treten können, das die volle Förderung aller ihrer menschlichen Potentiale bereithalten kann, und die Gespenster der Entfremdung von des Bären gesellschaftlicher Bestimmung vertrieben sind“, teilt er Knut in einem offenen Brief mit. Groß ist die Aufregung, als auf der Rückseite des Briefes eine verdeckte Botschaft des früheren RAF-Mitglieds entdeckt wird, die die Polizei schließlich entschlüsseln kann: „Keine Sorge, Knut, wir holen dich bald raus.“

          3. April. Es wird bekannt, dass neben der geplanten Fernseh-Doku auch noch ein großer Kinofilm über Knuts Leben geplant ist. Regie führen wird kein geringer als Florian Henckel von Donnersmarck, der in kurzen Worten umreißt, was ihn an dem Thema reizt: „Es ist eine dramatische Geschichte, es ist eine deutsche Geschichte mit einem Helden, der ein absoluter Sympathieträger ist - das Ganze verfilmt von einem der ganz großen Regisseure unserer Zeit. Ich denke, da wird wohl der nächste Oscar fällig sein.“

          6. April. Vor dem Zoo fahren schwarze Limousinen vor, denen dreißig Personenschützer entsteigen - und ein echter Hollywood-Star: Angelina Jolie ist fest entschlossen, Knut zu adoptieren. Mit Hilfe ihrer Bodyguards und einiger Lara-Croft-Karateschläge versucht sie, sich Zugang zum Bärengehege zu verschaffen. In stundenlangen Verhandlungen gelingt es Klaus Wowereit, die engagierte Actrice von ihrem Vorhaben abzubringen - mit einem Tauschhandel. Die Berliner Polizei dirigiert Jolies Wagenkolonne nach Neukölln, wo sie sich einen Rütli-Schüler aussuchen darf.

          10. April: Der große Tag ist gekommen: Knut zeigt sich erstmals den Zoobesuchern. Obwohl seine Betreuer ihn behutsam auf die neue Freiheit vorbereitet haben, wird die Begegnung mit der Weltöffentlichkeit zur beiderseitigen Enttäuschung: Der von menschlicher Hand hochgepäppelte Baby-Eisbär präsentiert sich als ungehobelter, übergewichtiger Rabauke, der seine Bärenhöhle nur verlässt, um die Schaulustigen mit Fischen zu beschmeißen. Zum Desaster wird ein abendlicher Fernsehauftritt, bei dem Knut Johannes B. Kerner ins Bein beißt. Das Knut-Fieber erlischt. In seiner Not versucht der Zoo, die Bärenliebe umzulenken auf andere Tierbabys, etwa auf die quirlige Muräne Molly oder die tapsige Tarantel Tita. Vergebens: Der Erfolg von Knut ist nicht zu wiederholen.

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