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Kluge Papageien : Bird Brain?

  • -Aktualisiert am

Kfz-Demontage für Fortgeschrittene: Kea bei der Arbeit Bild: Picture-Alliance/imageBROKER

Unterschätzte Spaßvögel: Bislang glaubte man, nur Menschen und Affen könnten Wahrscheinlichkeiten überschlagen. Nun haben neuseeländische Forscher herausgefunden, dass auch Keas dazu in der Lage sind.

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          Wenn nicht alles täuscht, muss kaum eine Tierklasse im täglichen Sprachgebrauch so massiv Federn lassen wie die der Vögel. Schließlich existiert für viele Mäkeleien auch eine avifaunistische Variante, die ihre Infamie in einem Putzigkeitskokon versteckt: hier der Trinker, dort die Schnapsdrossel, hier der Hygienemuffel, dort der Schmutzfink, hier der intellektuelle Tiefflieger, dort das Spatzenhirn. Für Letzteres hat das Deutsche sogar eine auf Frauen zugeschnittene Ausgabe in petto – dumme Gans. Ähnliche Verhältnisse im Englischen: Etwas Unattraktives ist „for the birds“, ein gripsloser Zeitgenosse wird als „bird brain“ bezeichnet. Diese Schmähung tauchte vor rund hundert Jahren zum ersten Mal auf, weil man Vögel für Automaten hielt, bei denen es wohl piept, aber niemals geistesblitzt.

          Heute wissen wir, dass Elstern sich selbst im Spiegel erkennen, Neukaledonische Krähen Werkzeuge herstellen, Alex der Klügste von allen war. Der Graupapagei wurde von der Verhaltensforscherin Irene Pepperberg trainiert und konnte Wünsche äußern und sich mit Hilfe von zweihundert Wörtern artikulieren. Nun legen seine neuseeländischen Verwandten nach: Einer Studie der Universität Auckland zufolge sind Keas in der Lage, Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen. Bislang waren sie vor allem dafür bekannt, das Hand-, Pardon: Schnabelwerk der Kfz-Demontage an den Fensterdichtungen von Groß- und Kleinwagen zu perfektionieren. Die an der aktuellen Versuchsreihe beteiligten Forscher verpassten fünf der grünen Papageien boygrouptaugliche Pseudonyme (Bruce, Loki, Neo, Plankton, Taz) und nannten den sechsten fieserweise Blofeld. Ganz abwegig ist das allerdings nicht, immerhin handelt es sich bei seinem Vorbild um den Lieblingsendgegner von James Bond, der wiederum nach einem Ornithologen benamst wurde.

          Sinn für Unsinn

          Jedenfalls haben die Wissenschaftler die Keas darauf trainiert, die Farbe Schwarz mit einer Belohnung, die Farbe Orange hingegen mit dem Ausbleiben derselben zu assoziieren. Anschließend füllten sie zwei durchsichtige Behälter mit sowohl schwarzen als auch orangefarbenen Holzteilchen, welche sie den Vögeln in einem dritten Schritt anboten – und zwar in der geschlossenen Faust. Das Ergebnis: Die Keas bevorzugten Gaben aus jenem Gefäß, in dem sich mehr schwarze Teile befanden, und nahmen sie am liebsten von einem Wissenschaftler entgegen, der insgesamt besonders wenig orangefarbenen Inhalt zutage förderte. Setzten die Forscher eine horizontale Trennwand ins Glas, kontrollierten die Papageien, welche Teile oben und welche unten lagen. Danach zeigten sie eine Präferenz für das Behältnis, in dem mehr schwarze Holzstifte zu erreichen waren.

          Die Fähigkeit, statistische Rückschlüsse zu ziehen, hat man bislang nur Menschen und einigen Affen zugetraut. Dass Keas, die wegen ihres Sinns für Unsinn übrigens als Spaßvögel bezeichnet werden, jetzt zu uns aufschließen, bringt die Rede vom „bird brain“ weiter in Verruf. Gut so, hoffentlich pfeifen es die Spatzen bald von den Dächern.

          Kai Spanke
          Redakteur im Feuilleton.

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