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Leichenfund im Eis : Unverhofftes Wiedersehen

Ein tragisch-schönes Bild: der vielschichtige Gletscher Bild: dpa

Das durch den Klimawandel verursachte Gletscherschmelzen ist in vollem Gange. Zuweilen befördert das einst ewige Eis Erstaunliches ans Tageslicht: Zum Beispiel 75 Jahre verschollene Eltern einer alten Dame.

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          Ein junger Bergmann küsst seine Braut, steigt noch einmal in die Erzgrube und kommt nie wieder zurück. Fünfzig Jahre später wird dort ein neuer Stollen gebohrt, man stößt auf einen von Eisenvitriol durchzogenen Leichnam, wunderbar erhalten und allen im Ort unbekannt. Schließlich tritt eine Greisin hinzu, erkennt in dem jungen Mann ihren verschollenen Verlobten und dankt Gott für das unverhoffte Wiedersehen.

          Die Geschichte, die Anfang des neunzehnten Jahrhunderts aus dem schwedischen Falun berichtet wurde, machte europaweit Furore und wurde alsbald zum literarischen Stoff – Gotthilf Heinrich von Schubert, Johann Peter Hebel und E. T. A. Hoffmann nahmen sich seiner an, viele sind ihnen gefolgt, aus gutem Grund, denn ein schöneres und tragischeres Bild für unser Gedächtnis und unser Gedenken lässt sich schwer finden als dieser Berg mit seinen Schichten und dem, was er wieder freigibt.

          Seit wir den Klimawandel zu spüren bekommen, geben auch die Gletscher frei, was sie lange bewahrt haben. Am spektakulärsten war sicherlich der Fund des mumifizierten „Ötzi“, am tröstlichsten wohl die Entdeckung der Überreste eines Osttirolers, der im Jahr 1949 einfach verschwunden war und seine schwangere Freundin zurückgelassen hatte. 2003 fand man seine Leiche, die der zurückweichende Großvenediger-Gletscher freigegeben hatte. Und seine Freundin durfte noch erleben, dass in den Taschen des Verschollenen zwei Hochzeitsringe gefunden wurden, ein großer und ein kleiner, als Zeichen der fest beabsichtigten Rückkehr. Man wünscht sich nur, die einst über die ledige Mutter tuschelnden Nachbarn hätten der Frau nach dieser Nachricht ins Gesicht sehen müssen.

          Die fünfzig Jahre von Falun und die vierundfünfzig von Osttirol aber werden noch übertroffen durch zwei Körper, die jüngst im Wallis gefunden und am Mittwoch identifiziert werden konnten: Es handelt sich um das Ehepaar Dumoulin, das 1942 aufgebrochen war, um Vieh zu hüten. Als die beiden nicht mehr wiederkamen, wurden die sieben Kinder der Dumoulins auf mehrere Familien aufgeteilt. Eine 79 Jahre alte Tochter konnte nun, nach einem Dreivierteljahrhundert und einigen Suchexpeditionen am Gletscher, ihren Frieden mit dem Verschwinden ihrer Eltern machen. Wenn die Zeit für die einen weitergeht, für die anderen aber eben nicht, dann kann es passieren, dass eine Greisin ihrer halb so alten Mutter entgegentritt.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

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