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Klimawandel : Am Abgrund

Die Polkappen schmelzen, der Meeresspiegel steigt Bild: picture-alliance/ dpa

Europa glaubt an Umweltpolitik, Amerika verhöhnt sie und spielt auf Zeit. Motto: Wir lassen uns keinen Schrecken einjagen. Als Antwort auf den Stern-Bericht skizzierte Präsident Bush ein paar dürre Worte auf ein Blatt Papier.

          Die Frage nach dieser Woche des angekündigten Weltuntergangs war doch, wie die Antwort aus der Schaltzentrale der zivilisierten Welt ausfällt. Und Washington hat geantwortet.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Noch ehe er seine Diplomaten nach Nairobi zur heute beginnenden Klimaschutzkonferenz verabschiedete, raffte Wahlkämpfer George Bush sein ganzes ökologisches Sendungsbewußtsein zusammen und erwiderte den siebenhundertseitigen „Stern-Bericht zur Ökonomie des Klimawandels“ mit ein paar dürren Worten auf einem Blatt Papier, das die „acht Aktionspläne der Asien-Pazifik-Partnerschaft“ skizzierte.

          Es ist die Antwort von sechs Ländern, die „ungefähr die Hälfte der Menschheit sowie mehr als die Hälfte an Wirtschaftskraft und Energieverbrauch der Welt repräsentieren“ und mit ihrer Klimapolitik „anhaltenden Reichtum und Wachstum unserer Bürger und der der ganzen Welt“ versprechen, wie es in dem Schrieb heißt.

          Auswahl der Katastrophenorte nie zufällig

          Paradoxerweise sieht sich dieses Anti-Kyoto-Bündnis mit Australien, Korea, China, Indien und Japan genau von jener ökonomischen Vernunft beseelt, die in der Analyse des Briten Sir Nicholas Stern, eines der angesehensten Ökonomen der Welt, als die eigentliche und größte Bedrohung der zivilisierten Welt beschrieben wird.Tokio, Schanghai, New York, Miami, Kalkutta und viele kleine Pazifikinseln drohten in den nächsten Jahrzehnten immer öfter überflutet zu werden, schrieb Stern. Die Auswahl der Katastrophenorte scheint nie zufällig.

          200 Millionen Menschen und mehr könnten wegen des Meeresspiegelanstiegs und der bedrohten Küsten bei einer durchschnittlich zwei bis drei Grad wärmeren Welt bis zur Mitte des Jahrhunderts zur dauerhaften Emigration gezwungen sein; bis zu vierzig Prozent der Arten könnten aussterben, nicht zuletzt wegen der drohenden Austrocknung des Amazonas-Regenwaldes; der Kollaps der Eisschilde werde mit zunehmender Erwärmung vier Millionen Quadratkilometer Küste überfluten und damit ein Zwanzigstel der Weltbevölkerung zur Landflucht bewegen; Hunderte Millionen Menschen, speziell in Afrika, würden gleichzeitig unter der Last der Dürren nicht mehr genug Nahrung produzieren können.

          Vier Katastrophen nach der Eiszeit erlebt

          Beispielhaft konnten wir solche Szenarien zuletzt in Jared Diamonds Bestseller „Kollaps“ über den Untergang historischer Kulturen, der Maya oder der Nordmänner etwa, lesen. Vier ökologische und soziale Katastrophen dieser Art haben allein die Vereinigten Staaten nach der Eiszeit erlebt.

          Die vergleichsweise kurze sechsjährige „Dust Bowl“-Dürre in den Kornkammern der Great Plains etwa kostete in den dreißiger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts den Staat eine Milliarde Dollar und zwang Millionen, ihr Hab und Gut aufzugeben.

          Lauwarmes Gewäsch

          Amerika hat das alles überlebt. Mehr noch: Gerade weil es daraus ökonomisch wie Phönix aus der Asche stieg, halten sich Bush und die Seinen auch in der Stunde der Wahrheit gegenüber Kassandrarufen für überlegen. Daß sein Land mittlerweile ein Viertel der weltweiten Kohlendioxyd-Emissionen zu verantworten hat, darf dieses nationale Glück nicht trüben.

          Die neuen „acht Aktionspläne“ seiner asiatisch-pazifischen Allianz spiegeln da die offizielle amerikanische Umweltphilosophie nahezu unverfälscht wider: „Wir werden Anreize identifizieren, die Kohlendioxyd-Intensität der Zementindustrie zu verringern . . . identifizieren energiesparende Praktiken der Stahlindustrie . . . machen die besten Technologien bekannt, um die Effizienz der Kraftwerke zu erhöhen . . . arbeiten daran, den Energieverbrauch in Büros und beim Verbraucher zu senken“.

          Lauwarmes Gewäsch, das nicht nur klingt wie von gestern, sondern seit Jahr und Tag auch als offizielle Linie in der Weltuntergangsdebatte gilt. Amerika spielt auf Zeit. Motto: Wir lassen uns keinen Schrecken einjagen.

          „Die größte Bedrohung für die Zukunft“

          Die Bekanntmachung der Weltmeteorologiebehörde vom Wochenende, wonach die Konzentration der Treibhausgase im vorigen Jahr ein neues historisches Hoch erreicht hat und die Steigerungsraten ungebrochen sind, verpufft denn auch im Dunstkreis Washingtons genauso schnell wie das Manifest vier amerikanischer Energiefachleute vom Freitag, die in der internationalen Wissenschaftszeitschrift „Science“ ihrem Heimatland eine „neue, ambitionierte Formel“ zur Verringerung der Gasemissionen aufschrieben.

          Nein, in diesem gemeinsamen Kampf der freien Welt gegen „die größte Bedrohung für die Zukunft“ (Tony Blair und Angela Merkel) bleibt Amerika seiner Widerstandskämpferrolle treu und wird dem alten Europa wohl oder übel weiter seine Gefolgschaft verweigern - Al Gore hin, Bill Clinton her.

          „Pflanzen Sie einen Baum“

          Der qualmende Riese taumelt nicht einmal. Wie Washington wohl solche Aktionspläne liest, wie sie neuerdings von der Europäischen Kommission unter dem Titel „Zehn Möglichkeiten zur Verkleinerung Ihres Kohlendioxyd-Fußabdrucks“ popularisiert werden?

          „Pflanzen Sie einen Baum. Ein Baum durchschnittlicher Größe absorbiert jährlich etwa sechs Kilogramm Kohlendioxyd, im Laufe von 40 Jahren schluckt er also rund 250 Kilogramm. Drehen Sie Ihr Thermostat um ein Grad herunter, benutzen Sie Sparlampen. Sie halten zehnmal so lange wie gewöhnliche Glühbirnen, erzeugen bis zu 400 Kilogramm weniger Emissionen und reduzieren Ihre Stromrechnung. Kochen Sie nur so viel Wasser, wie Sie für Ihren Tee oder Kaffee benötigen, halten Sie Kühlschränke und Tiefkühltruhen sauber, recyceln Sie alles, was Sie können. Noch besser, reduzieren Sie wann immer möglich Ihren Konsum“ - und so weiter und so fort.

          Darin kommt eine Haltung zum Ausdruck, die der Wissenssoziologe Nico Stehr vor zwei Jahren seinem Essay für eine andere Klimapolitik voranstellte. Klimawandel, formulierte er, sei primär kein Umweltproblem mit einer gesellschaftlichen Komponente, sondern ein gesellschaftliches Problem, das eine Umweltkomponente hat.

          Radikalität nur nach außen erwünscht

          Die Forderung nach Konsumverzicht aber ist genau das Motiv, das Bushs Amerika als das eigentliche Hindernis einer gemeinsamen Weltklimapolitik identifizierte und stets zu torpedieren suchte. Radikalität ist nur nach außen erwünscht. Solange China, Indien oder Brasilien aber nicht an radikalen Maßnahmen zum Klimaschutz beteiligt werden, bewegt sich der Riese nicht.

          Nicholas Stern hat diese Sensibilität in seiner düsteren Bestandsaufnahme sogar vorausahnend aufgegriffen: „Ein einzelnes Land, auch ein großes, ist nur ein Teil des Problems.“ Seine Rechnung: Selbst für den undenkbaren Fall, daß sein Heimatland Großbritannien binnen eines Jahres alle Kraftwerke abschalten könnte, würden die so erzielten Emissionsminderungen schon durch die in einem Jahr anfallenden Emissionssteigerungen Chinas zunichte gemacht.

          Kein Wort vom Konsumverzicht

          Seine Lösung heißt Umwelttechnik, und zwar Umwelttechnik jetzt. In zwanzig Jahren, wenn Washington vielleicht mit fortschrittlichen Technologien groß aufzutrumpfen gedenkt, könnte es zu spät sein. Zwanzig Prozent der globalen Wirtschaftskraft könnten dann nach Sterns makroökonomischem Modell vom Klimawandel („dem größten Fall von Marktversagen“) aufgezehrt sein, die Globalisierung am Ende, der ökologische Schaden kaum zu bemessen.

          Die Ingenieure hätten die nötige Vorarbeit geleistet, die Volkswirtschaften seien bereit, das Marktvolumen der Umwelttechniken könne rasch auf einen Wert von Hunderten Millionen Dollar jährlich anwachsen. Und kein Wort vom Konsumverzicht. Die Verhinderung des Weltuntergangs könnte zu einem wahren Vergnügen werden.

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