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Klimawandel : Am Abgrund

„Die größte Bedrohung für die Zukunft“

Die Bekanntmachung der Weltmeteorologiebehörde vom Wochenende, wonach die Konzentration der Treibhausgase im vorigen Jahr ein neues historisches Hoch erreicht hat und die Steigerungsraten ungebrochen sind, verpufft denn auch im Dunstkreis Washingtons genauso schnell wie das Manifest vier amerikanischer Energiefachleute vom Freitag, die in der internationalen Wissenschaftszeitschrift „Science“ ihrem Heimatland eine „neue, ambitionierte Formel“ zur Verringerung der Gasemissionen aufschrieben.

Nein, in diesem gemeinsamen Kampf der freien Welt gegen „die größte Bedrohung für die Zukunft“ (Tony Blair und Angela Merkel) bleibt Amerika seiner Widerstandskämpferrolle treu und wird dem alten Europa wohl oder übel weiter seine Gefolgschaft verweigern - Al Gore hin, Bill Clinton her.

„Pflanzen Sie einen Baum“

Der qualmende Riese taumelt nicht einmal. Wie Washington wohl solche Aktionspläne liest, wie sie neuerdings von der Europäischen Kommission unter dem Titel „Zehn Möglichkeiten zur Verkleinerung Ihres Kohlendioxyd-Fußabdrucks“ popularisiert werden?

„Pflanzen Sie einen Baum. Ein Baum durchschnittlicher Größe absorbiert jährlich etwa sechs Kilogramm Kohlendioxyd, im Laufe von 40 Jahren schluckt er also rund 250 Kilogramm. Drehen Sie Ihr Thermostat um ein Grad herunter, benutzen Sie Sparlampen. Sie halten zehnmal so lange wie gewöhnliche Glühbirnen, erzeugen bis zu 400 Kilogramm weniger Emissionen und reduzieren Ihre Stromrechnung. Kochen Sie nur so viel Wasser, wie Sie für Ihren Tee oder Kaffee benötigen, halten Sie Kühlschränke und Tiefkühltruhen sauber, recyceln Sie alles, was Sie können. Noch besser, reduzieren Sie wann immer möglich Ihren Konsum“ - und so weiter und so fort.

Darin kommt eine Haltung zum Ausdruck, die der Wissenssoziologe Nico Stehr vor zwei Jahren seinem Essay für eine andere Klimapolitik voranstellte. Klimawandel, formulierte er, sei primär kein Umweltproblem mit einer gesellschaftlichen Komponente, sondern ein gesellschaftliches Problem, das eine Umweltkomponente hat.

Radikalität nur nach außen erwünscht

Die Forderung nach Konsumverzicht aber ist genau das Motiv, das Bushs Amerika als das eigentliche Hindernis einer gemeinsamen Weltklimapolitik identifizierte und stets zu torpedieren suchte. Radikalität ist nur nach außen erwünscht. Solange China, Indien oder Brasilien aber nicht an radikalen Maßnahmen zum Klimaschutz beteiligt werden, bewegt sich der Riese nicht.

Nicholas Stern hat diese Sensibilität in seiner düsteren Bestandsaufnahme sogar vorausahnend aufgegriffen: „Ein einzelnes Land, auch ein großes, ist nur ein Teil des Problems.“ Seine Rechnung: Selbst für den undenkbaren Fall, daß sein Heimatland Großbritannien binnen eines Jahres alle Kraftwerke abschalten könnte, würden die so erzielten Emissionsminderungen schon durch die in einem Jahr anfallenden Emissionssteigerungen Chinas zunichte gemacht.

Kein Wort vom Konsumverzicht

Seine Lösung heißt Umwelttechnik, und zwar Umwelttechnik jetzt. In zwanzig Jahren, wenn Washington vielleicht mit fortschrittlichen Technologien groß aufzutrumpfen gedenkt, könnte es zu spät sein. Zwanzig Prozent der globalen Wirtschaftskraft könnten dann nach Sterns makroökonomischem Modell vom Klimawandel („dem größten Fall von Marktversagen“) aufgezehrt sein, die Globalisierung am Ende, der ökologische Schaden kaum zu bemessen.

Die Ingenieure hätten die nötige Vorarbeit geleistet, die Volkswirtschaften seien bereit, das Marktvolumen der Umwelttechniken könne rasch auf einen Wert von Hunderten Millionen Dollar jährlich anwachsen. Und kein Wort vom Konsumverzicht. Die Verhinderung des Weltuntergangs könnte zu einem wahren Vergnügen werden.

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