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Klimaforschung : Eine Wissenschaft in der Falle der eigenen Wichtigkeit

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Die industrielle Produktion von Szenarien verliert an Bedeutung

Das MPI wurde bekannt als die Kaderschmiede der weltrettenden Klimaforschung in Deutschland. Tatsächlich gab es weniger und weniger Arbeiten, die nichts mit dem immer dominanteren Thema des menschgemachten Klimawandels zu tun hatten. In dieser Zeit trug Hasselmann aber noch einmal dazu bei, den Hype zu begrenzen - durch die Durchsetzung des Prinzips samt einer Methodologie von „Detection & Attribution“. Aber aus dem Triumph, der Öffentlichkeit erklären zu dürfen, dass der gegenwärtige Temperaturanstieg unplausibel im Rahmen der natürlichen Variabilität ist und mit dem derzeitigen Wissen ohne die Kausalität der Wirkung der Treibhausgase nicht erklärt werden kann, wurde der Niedergang der Eisbären. Aus der Irrtumswahrscheinlichkeit für die Detection-Aussage von weniger als 5 Prozent wurde: 95 Prozent des derzeitigen Wandels sind auf die Treibhausgase zurückzuführen.

Im Grunde konnte es von dort aus nur noch zwei Wege gehen - nämlich die Bestimmung der Downstream-Effekte von Klimawandel und -variabilität auf andere Systeme, sei es Seegang, die Apfelproduktion oder die Verbreitung von Malaria. Diese Aufgabe ging an das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung; ich nahm diese Thematik im begrenzten Umfang - auf Küsten bezogen - mit ins GKSS-Forschungszentrum Geesthacht. Dem MPI blieb die andere Richtung, die Erdsystemmodellierung. Heute hat das Institut eine neue Richtung aufgenommen; die industrielle Produktion von Szenarien verliert an Bedeutung, und „interessante Fragen“ nach der Dynamik der Erdoberfläche im Klimasystem oder nach dem Mechanismus und der Vorhersagbarkeit des „Meridional Overturning Current“ im Atlantik oder auch das Studium kleinskaliger atmosphärischer Prozesse mit höchstauflösenden Modellen beginnen das Gefängnis der gesellschaftlichen Relevanz zu sprengen. Ein neues Forschungsprogramm wird demnächst veröffentlicht werden.

Teil unserer Kulturen

Die Einbettung von Wissenschaft in einen gesellschaftlichen Kontext wird zum Gefängnis, wenn die Nützlichkeit der wissenschaftlichen Ergebnisse für eine bestimmte Politik in den Vordergrund tritt, die Angst vor vermeintlichem Missbrauch durch politische Feinde die Feder führt. Dann werden einige Gedanken inopportun und a priori unplausibel, aber andere opportun und a priori plausibel. Verschiedene Wissensformen mischen sich, und andere „Wissensbestände beeinflussen den wissenschaftlichen Erkenntnisakt“, um Ludwig Fleck zu zitieren. Was ist Wissen? Nico Stehr bestimmt Wissen als „Fähigkeit zu handeln“ und „Möglichkeit, etwas in Bewegung zu setzen“. Wissen ist laut Stehr ein „Modell für Wirklichkeit“. Dieses Wissen darf auch „wahr“ sein, muss aber nicht. Aber es ist handlungsleitend.

Ebenso bei Ludwig Fleck. Sein Buch „Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache“ von 1939 stellt fest: „Was Wissen ist, wird von dem jeweiligen kulturellen und sozialen Kontext festgelegt.“ Wissen ist somit, wie Sylwia Werner und Claus Zittel, die Herausgeber einer Anthologie über Fleck, erläutern, nicht wie in der philosophischen Tradition als wahre und gerechtfertigte Meinung definiert, sondern als „fixation of belief“. Sie fordern im Sinne Flecks: „Daher müssen nun die kulturellen Faktoren und Praktiken untersucht werden, die solche Fixierung von Wissen herbeiführen. Je nach kulturellem und sozialem Kontext kommt es zu pluralen Wirklichkeitsentwürfen, deren Geltung nur innerhalb des jeweiligen Denkstils verhandelt werden kann, und das gilt auch für die harte Wissenschaften.“

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