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Klimaforschung : Eine Wissenschaft in der Falle der eigenen Wichtigkeit

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Inzwischen gilt die Maßgabe als wissenschaftlich richtig

Bei Vorgabe eines gesellschaftlichen Willens zum hinnehmbaren Umfang der negativen Klimaänderungsfolgen reicht es, dass Ökonomen die Kosten für Anpassung und Vermeidung berechnen; am Ende wird vernünftigerweise jener Maßnahmenkatalog implementiert, der mit minimalen Kosten einhergeht. In diesem „Global Environmental Society Model“ findet sich der demokratische Willensbildungsprozess nur bei der Festlegung der akzeptablen Änderungen und der Metrik, wie diese zu messen sind. Der Rest folgt zwingend aus dem wissenschaftlich generierten Wissen. Die Wissenschaft wird zum Strategiegeber für die globale Gesellschaft.

Diese Sichtweise wird heute von Klimaforschern weitgehend geteilt. In diesem Bild wird der Zwang zur Implementierung der richtigen Politik konterkariert durch die Unsicherheit des wissenschaftlich konstruierten Wissens sowie durch moralisch fragwürdige Vertreter engstirniger Interessen. Die Herausforderung besteht darin, die absolut richtige Wahrheit einer oft dummen und von bösen Kräften irregeleiteten Masse nahezubringen. Inzwischen hat die Wissenschaft auch die ursprüngliche Frage an den Souverän, die nach dem akzeptablen Umfang der Änderungen, selbst entschieden: zwei Grad und Stabilisierung zum Ende des Jahrhunderts. Wir hatten dieses Szenario als Möglichkeit durchgespielt, inzwischen aber gilt die Maßgabe als wissenschaftlich richtig und zwingend. Das demokratische System hat nur noch zu vollziehen, und wenn es das nicht tut, dann sind die Leute blöd oder unzureichend gebildet.

Verschlüsselten Hinweise in den Medien

Ist diese Beschreibung zutreffend oder nur eine Übertreibung, geboren aus der Lust am Zweifel und Widerspruch? Ich habe nichts dagegen, wenn man meine Überlegungen so abtut. Ich habe nicht den Anspruch, die Welt zu retten.

In meinen Augen ist hier die Denkschule des klimatischen Determinismus am Werk. Das Klima bestimmt, wie wir leben sollen: wie wir Energie nutzen, ob wir vermehrt Nierensteine oder häufiger Depressionen bekommen. Eine Denkschule, die unter Naturwissenschaftlern häufig anzutreffen ist - und wir sind in diese Falle getappt, wussten wir doch damals gar nichts von solchen Ideen, obwohl wir sie mit uns latent herumschleppten, als integralen Bestandteil unserer westlichen Kultur. Nico Stehr, ein für uns seinerzeit merkwürdiger Besucher aus der sozialwissenschaftlichen Welt, machte uns früh auf diese Falle aufmerksam, aber wir verstanden das nicht. Wir sind physikalische Naturwissenschaftler, unsere Kultur hat keinen Einfluss auf unsere wissenschaftliche Praxis, wir verkünden Wahrheit.

Und zu dieser Wahrheit gehörte die moralische Verpflichtung des Aufrüttelns. Das taten wir, auch wenn wir dann und wann über das Ziel hinausschossen, etwa wenn wir den Peak der Sturmtätigkeit Anfang der neunziger Jahre voreilig zum Beleg für den menschgemachten Klimawandel ausriefen und uns mit verschlüsselten Hinweisen in den Medien interessant machten, wonach dieses oder jene Extremereignis zwar nicht nachweisbar auf den Klimawandel zurückgehe, de facto aber jeder wisse, dass es doch so sei.

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