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Klima : Eiszeit in der Warteschleife

So schlimm wie im Film wird es wohl doch nicht Bild: picture-alliance / dpa/dpaweb

Die Meereszirkulation verändert sich dramatisch. Das berichten britische Forscher. Das Versiegen des wärmenden Golfstroms vor den Küsten Europas ist dennoch unwahrscheinlich. Die nächste Eiszeit steht nicht bevor.

          3 Min.

          Die Klimarechner haben solche oder so ähnliche Ergebnisse schon dutzendfach vorweggenommen. Und weil man Klimamodellen heute ganz generell gerne glaubt, werden viele, die wie Hollywoodregisseur Roland Emmerich (“The Day After Tomorrow“) die Klimaentwicklung und vor allem die Klimapolitik verfolgen, ein großes Deja-vu erleben.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Nature“ (Bd. 438, S. 655) berichtet eine britische Forschergruppe über die beachtlichen Veränderungen der Ozeanzirkulation und über das mögliche, stets mitgedachte Versiegen des wärmenden Golfstroms vor den Küsten Europas. Um es vorwegzunehmen: Die nächste Eiszeit steht nicht bevor, der Golfstrom hat seinen Schwung im Ursprungsgebiet und über dem Atlantik trotz der meßbaren klimatischen Veränderungen um ihn herum offenbar noch nicht eingebüßt.

          Von den Bahamas zur Westküste Afrikas

          In seinen Ausläufern und Rändern freilich, dort, wo sich die warmen Oberflächenmassen aus dem tropischen und subtropischen Westen ihren Weg suchen und im Norden auf eine Art Staumauer an kalten Wassermassen treffen, und auch dort, wo die äußerst westlichen Ausläufer des Golfstroms - vor der afrikanischen Westküste - im Uhrzeigersinn wieder in Richtung Karibik zurückfließen, dort scheint sich in den vergangenen Jahren offenbar manches verändert zu haben.

          Festgestellt haben das vor knapp einem Jahr die drei Wissenschaftler um Harry Bryden vom britischen National Oceanography Centre in Southampton, die an Bord eines Forschungsschiffes den subtropischen Atlantik befuhren. Ziemlich exakt auf dem 25. Breitengrad bewegten sie sich von den Bahamas bis zur Westküste Afrikas. In regelmäßigen Abständen ließen die Forscher Meßbojen zu Wasser, die ihnen Auskunft über die Meeresströmungen in verschiedenen Tiefen gaben. Ganz ähnlich waren Ozeanographen viermal vorher, nämlich in den Jahren 1957, 1981, 1992 und 1998, vorgegangen.

          Gewaltige Änderungen bei Strömungen

          In keiner der vier Meßreihen waren den Wissenschaftlern besorgniserregende Veränderungen aufgefallen. Das war nun ganz anders , als Bryden und seine Kollegen die Strömungen analysierten. Der Vergleich mit früheren Meßdaten, so berichten die Forscher, habe gezeigt, daß die Wassermassen, die an der Oberfläche nordwärts vor Europas Küsten und in der Tiefe zurück nach Süden fließen, um schätzungsweise dreißig Prozent zwischen 1957 und 2004 abgenommen haben. Um fast ein Drittel also. Das sind gewaltige Veränderungen, wenn man bedenkt, wieviel Wasser durch die verschiedenen natürlichen Wasserpumpen, die das „globale thermohaline Förderband“ und damit auch den Golfstrom antreiben, transportiert wird.

          Der Golfstrom beispielsweise führt auf der Höhe Floridas - westlicher Referenzpunkt der Meßreihe - sekündlich etwa 32 Millionen Kubikmeter warmen Meerwassers gen Nordosten. Von dort strömt das Wasser quer über den Atlantik, wo es sich schließlich teilt: Ein Teil wird, angetrieben vor allem durch den Nordostpassat, weiter nach Osten gelenkt und fließt im großen Bogen wie ein riesiger Wirbel Richtung Äquator und zurück in Richtung Golf von Mexiko. Der andere Teil der warmen Wassermassen aus der Golfregion nimmt die Abzweigung im mittleren Atlantik nach Norden, angetrieben hauptsächlich von thermohalinen Wasserpumpen im Nordatlantik, wo kaltes, salzreiches Meerwasser in die Tiefe sinkt. Ständig strömt aus dem Arktischen Ozean kaltes, salzhaltiges Wasser durch die Grönlandstraße und die Baffin-Bai in die tiefen Becken am Meeresboden des Nordatlantiks. Der dadurch entstehende Wasserverlust an der Oberfläche wird durch das nach Norden strömende warme Wasser des Golfstroms zumindest teilweise ausgeglichen.

          Tiefenwasserströme haben sich halbiert

          Wie die Gruppe um Bryden nun bei ihren Messungen in verschiedenen Tiefen des subtropischen Atlantiks ermittelt hat, haben sich die Abflüsse im Atlantik, dort, wo das Golfstromwasser Richtung Äquator zurückströmt, überraschend schnell und dramatisch vergrößert - um fünfzig Prozent in fünf Dekaden. Gleichzeitig, und das ist für den seit der letzten Eiszeit annähernd konstanten Golfstrom besonders bemerkenswert, haben sich die gewaltigen, südwärts gerichteten Tiefenwasserströme in drei- bis fünftausend Metern offenbar ebenfalls nahezu halbiert.

          Am Golfstrom selbst, vor dem tropischen Amerika, ist all das freilich noch weitgehend unbemerkt vorbeigegangen - bisher zumindest. Ob das an Unwägbarkeiten ihrer Stichproben liegt oder ob der Golfstrom doch bald den nachlassenden Sog zu spüren bekommt und Europa womöglich der wärmende Zustrom an Tropenwasser demnächst versagt bleibt, vermochten die Forscher nicht endgültig zu klären.

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