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„Kleine Hexe“ ohne „Negerlein“ : Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen

Der Finger gehört Klaus Willberg, dem Geschäftsführer der Thienemann Verlag GmbH. Während eines Fototermins zeigt er auf eine nun inkriminierte Passage des Kinderbuchs «Die kleine Hexe» von Otfried Preußler. Bild: dpa

Seit mehr als fünfzig Jahren steht das Wort „Negerlein“ in Otfried Preußlers Klassiker „Die kleine Hexe“. Der Verlag will das jetzt ändern. Zu Recht?

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          Keiner prüft so fies wie die Muhme Rumpumpel. Als sie in der Walpurgisnacht die Kenntnisse der kleinen Hexe öffentlich testet, lässt sie diese beispielsweise dasjenige zaubern, „was auf Seite dreihundertvierundzwanzig im Hexenbuch steht“. Doch für die bestens vorbereitete Kandidatin ist das kein Problem. Schließlich, schreibt Otfried Preußler in seinem Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“, kennt die tapfere Titelheldin „das Hexenbuch in- und auswendig“.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Vielen von Preußlers Lesern dürfte das mit seinem 1957 erschienenen Buch ähnlich gehen. Auf sie kommen jetzt harte Zeiten zu. Als Preußlers Verleger Klaus Willberg jedenfalls am Montag erklärte, „Die kleine Hexe“ sprachlich überarbeiten zu lassen, fühlte er sich anschließend einem förmlichen „Shitstorm“ ausgesetzt. „99 Prozent dieser Mails“ hätten „nur Beschimpfungen“ enthalten und sich „inhaltlich nicht mit der Sache auseinandergesetzt“, sagte Willberg dem „Börsenblatt“. Dabei wolle er doch nur „veraltete und politisch nicht mehr korrekte Begrifflichkeiten“ ausmerzen. Im Übrigen seien mit dieser Arbeit „Fachleute“ beauftragt, die sich dabei „mit der Familie Preußler“ abstimmen.

          Negerlein, Türken und Chinesinnen

          Konkret geht es Willberg um ein Kapitel der „Kleinen Hexe“, in dem von einer Fastnachtsfeier die Rede ist und von Kindern, die sich als „Negerlein“, „Türken mit roten Mützen und weiten Pluderhosen“, „Chinesinnen“, als „Menschenfresser“, „Eskimofrauen“ und als „Hottentottenhäuptling“ verkleiden. Wenigstens die Worte „Neger“, „Türken“ und „Chinesinnen“ wird man in der künftigen Neuausgabe nicht mehr finden, die Kinder werden sich dann eben, sagt Willberg, als etwas anderes kostümieren. Als inhaltlichen Eingriff könne er das nicht werten, schließlich gehe es ja um die Fastnachtsszene als solche und nicht um die Rollen.

          Warum dann die Aufregung? Zumal die Familie des Autors doch offenbar einverstanden ist?

          Außergewöhnlich ist Willbergs Vorgehen nicht. Es gehört zur Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur, dass Texte gern bearbeitet, umgeschrieben, gekürzt und erweitert werden, oft genug, ohne dass sich irgendein Hinweis darauf im Buch findet. Wer etwa vor dreißig Jahren mit „Hanni und Nanni“ groß geworden ist, fand auf den Titelblättern der damals achtzehn Bände den Namen „Enid Blyton“, obwohl nur ein Drittel der Bücher von dieser Autorin stammt. Und auch die Übersetzungen wurden mit viel Phantasie auf deutsche Verhältnisse übertragen, wenn etwa im 1967 erschienenen Band „Fröhliche Tage für Hanni und Nanni“ („Fifth Formers At St. Clare’s“, 1945) plötzlich ein Gedicht von Ludwig Uhland im Unterricht behandelt wurde - vermutlich um, im Sinne Willbergs, kindlichen Lesern Dinge zu ersparen, die sie nicht auf den ersten Blick verstehen, wie etwa den Namen eines englischen Lyrikers. Inzwischen wäre da aber auch Uhland keine sichere Bank mehr.

          Der Südseekönig

          Wie groß im Fall von „Hanni und Nanni“ der Schaden ist, der mit diesen Eingriffen angerichtet wird, sei dahingestellt. Die Motive der Beteiligten dürften aber dieselben sein wie vom Thienemann-Verleger Willberg umrissen: Bücher werden verändert, um sie dem vermuteten Horizont der Zielgruppe anzupassen. Und, muss man ergänzen, dem der erwachsenen Käufer, die ihren Kindern Worte wie „Negerlein“ nicht zumuten wollen. Das prominenteste Beispiel für diese Sorge ist die aktuelle Ausgabe von „Pippi Langstrumpf“. Dort erklärte das stärkste Mädchen der Welt bekanntlich, seine Mutter sei „ein Engel und mein Papa ist ein Negerkönig“. Heute steht an dieser Stelle „Südseekönig“, nachdem sich die Erben der Autorin Astrid Lindgrens nach langem Weigern zu dieser Änderung bereitgefunden haben.

          Pippi Langstrumpf  und ihr Äffchen Herr Nilsson in einer Filmszene: Pippis Vater wurde in den Büchern vom Negerkönig zum Südseekönig umbenannt

          Nun gibt es sehr gute Gründe, sich über den pejorativ gebrauchten Ausdruck „Neger“ zu erregen. Als Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen ist er heute verpönt. Umso interessanter ist der Blick auf den Sprachstand zur Entstehungszeit von Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“-Trilogie. Der Schriftsteller Joakim Langer und die Ethnologin Hélena Regius haben in ihrem Buch „Pippi & der König“ (List Verlag, 2004) den Fall eines schwedischen Abenteurers geschildert, der 1904 auf einer Südsee-Insel strandete, die Tochter eines Clanchefs heiratete, eine Plantage betrieb und eine Goldader entdeckte.

          Jener Carl Emil Pettersson wurde in den schwedischen Zeitungen der dreißiger und vierziger Jahre oft porträtiert, etwa 1922 in „Dagens Nyheter“ unter dem Titel „Vom Matrosen zum Negerprinzen und Plantagenkönig“, und Astrid Lindgren, die zwischen 1924 und 1926 ein Volontariat bei der Tageszeitung „Vimmerby Tidning“ absolvierte, wird den Fall verfolgt haben. Langer und Regius tragen sogar eine Fülle von Indizien dafür zusammen, dass Pippis Vater Efraim Langstrumpf auf jenen „Negerprinzen und Plantagenkönig“ zurückgeht. Und dass auch Lindgrens Wortwahl dem Titel folgt, der dem Abenteurer Pettersson von der schwedischen Presse verliehen wurde.

          Einfach nur vorlesen

          Muss man das wissen, um in der Frage zu entscheiden, ob der „Negerkönig“ heutigen Lindgren-Lesern zumutbar ist? Es hilft jedenfalls beim Verständnis dafür, dass sich ein literarisches Werk im Diskurs seiner Zeit bewegt und dass man es kaum adäquat einschätzen kann, greift man in seinen Wortlaut ein. Nun wird mancher aufs Interpretieren pfeifen, solange er seinen Kindern nur unfallfrei - also ohne gewundene Erklärungen und Entschuldigungen - vorlesen kann, seien es Grimms Märchen, Otfried Preußler oder eben „Pippi Langstrumpf“.

          Das heißt aber nichts anderes, als Kinder- und Jugendliteratur von vornherein nicht ernst zu nehmen. Man darf sie demnach ohne Skrupel umschreiben, was man selbst bei mäßigen Werken, die sich an Erwachsene richten, nie im Leben täte. Große Autoren wie Kirsten Boie, Michael Ende, Otfried Preußler oder eben Astrid Lindgren würden in dieser kruden Lesart zu Kunsthandwerkern, und die aufblühende Kinder- und Jugendliteraturforschung hätte im Kreis der Fachgermanistik nichts zu suchen.

          Umschreiben als Lösung?

          Was tun? Eine Art Ausweg fand der deutsche Oetinger-Verlag im Fall von „Pippi Langstrumpf“ vor einigen Jahren, indem man dem Wort „Neger“ eine Fußnote verpasste: „In diesem und folgenden Kapiteln“, liest man am Fuß der Seite 8, „wird der Ausdruck ,Neger‘ verwendet. Als Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf geschrieben hat, war das noch üblich. Heute würde man ,Schwarze‘ sagen.“ Die Fußnote verschwand wieder, und der „Südseekönig“ kam. Das Wort „Eingeborene“ blieb dem Text allerdings erhalten, obwohl auch diesem Wort ein „kolonialer Beiklang“ attestiert wird, und dieselbe Unsicherheit, wie weit man denn beim Umschreiben gehen darf oder sollte, wird auch bei der geplanten Überarbeitung der „Kleinen Hexe“ deutlich, wenn man sich fragt, warum denn die Fastnachts-Chinesinnen oder Türken mit den „Negerlein“ verschwinden sollen.

          Ein Buch, das man seinen Kindern nicht so vorlesen mag, wie es ist, kann man auch zur Seite legen. Es gibt genug andere. Wer aber einen Text umschreibt, um ihm das Anstößige zu nehmen, erreicht damit nur eins: dass über dieses Moment der Irritation nicht mehr gesprochen wird. Und damit über das, was ernsthafte Literatur ausmacht.

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