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„Kleine Hexe“ ohne „Negerlein“ : Wir wollen vorlesen und nichts erklären müssen

Pippi Langstrumpf  und ihr Äffchen Herr Nilsson in einer Filmszene: Pippis Vater wurde in den Büchern vom Negerkönig zum Südseekönig umbenannt

Nun gibt es sehr gute Gründe, sich über den pejorativ gebrauchten Ausdruck „Neger“ zu erregen. Als Bezeichnung für dunkelhäutige Menschen ist er heute verpönt. Umso interessanter ist der Blick auf den Sprachstand zur Entstehungszeit von Astrid Lindgrens „Pippi Langstrumpf“-Trilogie. Der Schriftsteller Joakim Langer und die Ethnologin Hélena Regius haben in ihrem Buch „Pippi & der König“ (List Verlag, 2004) den Fall eines schwedischen Abenteurers geschildert, der 1904 auf einer Südsee-Insel strandete, die Tochter eines Clanchefs heiratete, eine Plantage betrieb und eine Goldader entdeckte.

Jener Carl Emil Pettersson wurde in den schwedischen Zeitungen der dreißiger und vierziger Jahre oft porträtiert, etwa 1922 in „Dagens Nyheter“ unter dem Titel „Vom Matrosen zum Negerprinzen und Plantagenkönig“, und Astrid Lindgren, die zwischen 1924 und 1926 ein Volontariat bei der Tageszeitung „Vimmerby Tidning“ absolvierte, wird den Fall verfolgt haben. Langer und Regius tragen sogar eine Fülle von Indizien dafür zusammen, dass Pippis Vater Efraim Langstrumpf auf jenen „Negerprinzen und Plantagenkönig“ zurückgeht. Und dass auch Lindgrens Wortwahl dem Titel folgt, der dem Abenteurer Pettersson von der schwedischen Presse verliehen wurde.

Einfach nur vorlesen

Muss man das wissen, um in der Frage zu entscheiden, ob der „Negerkönig“ heutigen Lindgren-Lesern zumutbar ist? Es hilft jedenfalls beim Verständnis dafür, dass sich ein literarisches Werk im Diskurs seiner Zeit bewegt und dass man es kaum adäquat einschätzen kann, greift man in seinen Wortlaut ein. Nun wird mancher aufs Interpretieren pfeifen, solange er seinen Kindern nur unfallfrei - also ohne gewundene Erklärungen und Entschuldigungen - vorlesen kann, seien es Grimms Märchen, Otfried Preußler oder eben „Pippi Langstrumpf“.

Das heißt aber nichts anderes, als Kinder- und Jugendliteratur von vornherein nicht ernst zu nehmen. Man darf sie demnach ohne Skrupel umschreiben, was man selbst bei mäßigen Werken, die sich an Erwachsene richten, nie im Leben täte. Große Autoren wie Kirsten Boie, Michael Ende, Otfried Preußler oder eben Astrid Lindgren würden in dieser kruden Lesart zu Kunsthandwerkern, und die aufblühende Kinder- und Jugendliteraturforschung hätte im Kreis der Fachgermanistik nichts zu suchen.

Umschreiben als Lösung?

Was tun? Eine Art Ausweg fand der deutsche Oetinger-Verlag im Fall von „Pippi Langstrumpf“ vor einigen Jahren, indem man dem Wort „Neger“ eine Fußnote verpasste: „In diesem und folgenden Kapiteln“, liest man am Fuß der Seite 8, „wird der Ausdruck ,Neger‘ verwendet. Als Astrid Lindgren Pippi Langstrumpf geschrieben hat, war das noch üblich. Heute würde man ,Schwarze‘ sagen.“ Die Fußnote verschwand wieder, und der „Südseekönig“ kam. Das Wort „Eingeborene“ blieb dem Text allerdings erhalten, obwohl auch diesem Wort ein „kolonialer Beiklang“ attestiert wird, und dieselbe Unsicherheit, wie weit man denn beim Umschreiben gehen darf oder sollte, wird auch bei der geplanten Überarbeitung der „Kleinen Hexe“ deutlich, wenn man sich fragt, warum denn die Fastnachts-Chinesinnen oder Türken mit den „Negerlein“ verschwinden sollen.

Ein Buch, das man seinen Kindern nicht so vorlesen mag, wie es ist, kann man auch zur Seite legen. Es gibt genug andere. Wer aber einen Text umschreibt, um ihm das Anstößige zu nehmen, erreicht damit nur eins: dass über dieses Moment der Irritation nicht mehr gesprochen wird. Und damit über das, was ernsthafte Literatur ausmacht.

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