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Klaus Kinski als Anlass : Von der Rolle

  • -Aktualisiert am

Die Vorwürfe von Pola Kinski gegen ihren Vater sorgen für vorschnelle Schlüsse vom künstlerischen Rollenspiel auf Charaktereigenschaften des Künstlers, der es inszeniert.

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          E stimmt, dass Klaus Kinskis Interpretation des Villon-Gedichts „Ich bin so wild nach deinem Erdbeermund“ nun untrennbar verbunden sein wird mit dem Vorwurf des Missbrauchs an seiner eigenen Tochter Pola, den diese in ihrem Buch erhebt. Aber in die berechtigte Empörung über den offenbar kriminellen Kinski mischen sich Stimmen, die es noch besser wissen wollen oder natürlich schon immer gewusst haben: nämlich dass Kinski „genau der monströse Psychopath“ war, „für den wir ihn immer gehalten haben“.

          So schreibt Arno Frank im „Spiegel“ und fügt zur Begründung das „dringliche Flüstern“ und „speichelfliegende Brüllen“ in Kinskis schauspielerischer Darstellung an. Da fällt der Satz: „Wer so sprach, musste ein Irrer sein.“ Damit nicht genug, wird nicht nur Kinskis lyrische Intonation mit dem rollenden R in Verbindung mit dem Redegestus „gewisser Politiker der vierziger Jahre“ gebracht, sondern auch hier der Rückschluss von der Rolle auf den Sprecher gezogen: Die sei Ausdruck seiner „schizophrenen Persönlichkeit“ gewesen.

          Rolle und Person sind zweierlei

          Das ist eine sehr gefährliche Interpretation. Sollen wir nun alle Villon-Interpreten ins Gefängnis werfen, alle Schauspieler unter Generalverdacht stellen, dass sie Päderasten, Mörder und Nazis sind? Tom Waits an den nächsten Baum hängen? Was ist mit gewissen Schriftstellern, was mit den Lesern und den Zuschauern? Die müssen doch allesamt psychopathische Monster sein! Rollenspiel kann Ekel und Grauen im Betrachter auslösen, und dies bleibt nicht unberührt vom Wissen über den Spieler, den Künstler, den Schriftsteller.

          Auch Fiktionen können verletzen und zerstören. Die Frage, ob und wie lange schon man etwas von Kinskis Vergehen hätte wissen und ihn zu Lebzeiten belangen können, ist wichtig und im Kontext des allgemeinen Umgangs mit Missbrauch auch von exemplarischer Bedeutung - aber sie muss getrennt bleiben von unserer Grundauffassung von Fiktion und Spiel.

          So lange uns Kunst, Schauspiel, Literatur etwas wert sind in ihrer Darstellung dessen, was nicht der Fall ist, und was ebenso schön wie schrecklich sein kann, so lange könnte für sie mit dem Titel einer Kurzgeschichte von Philip Roth gelten: „You can’t tell a man by the song he sings“. Das Lied verrät nicht immer die Wahrheit seines Sängers, hoffentlich nicht, auch wenn Klaus Kinski eine furchtbare Ausnahme sein sollte.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

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