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Musikplattformen : Ein Platz für Klassik im Netz

  • -Aktualisiert am

Bild: Illustration Kat Menschik

Idagio, so nennt sich die erste digitale Plattform zur Verbreitung klassischer Musik. Prominente Musiker und Dirigenten machen mit – und das Angebot ist gratis.

          6 Min.

          Irgendwann in den Achtzigern war es, Karajan lebte noch und die Kugelkopfmaschine war schon wieder ausgemustert worden, da wechselte der alte Kassandraruf von der Krise der Klassik plötzlich die Funktion. Aus einem vernebelten Menetekel wurde ein knallhartes Marketingargument.

          Seither hat es buchstäblich keine einzige Neugründung gegeben, aber auch keinen Relaunch alteingesessener Klassik-Firmen, seien es Festivals, Magazine, Labels, Produzenten, Intendanten oder sonstige Musikmakler, die nicht mit Rettungsversprechen hausieren gingen: Man müsse hinkünftig gezielt junge Leute mit Bach oder Mozart anfüttern, man wolle trickreich die erklärten Nicht-Klassik-Hörer einfangen, man werde dergestalt das Publikum verjüngen helfen und die klassische Musik vor ihrem Untergang, der so gut wie sicher sei, bewahren.

          Zwei der Gründer von Idagio: Christoph Lange und Till Janczukowicz

          Im Netz geht es da vorerst kein bisschen anders zu als in der haptischen Welt. Das jüngste Online-Magazin im deutschsprachigen Bereich, „VAN“, 2014 gegründet von dem Berliner Musikliebhaber, Cellisten und Ethnologen Hartmut Welscher, richtet sich, zum Beispiel, ausdrücklich an die Jugend, die eher popkulturell sozialisiert ist, es will „neue Perspektiven“ eröffnen auf klassische Musik „und auf die Subkultur um sie herum“.

          Dazu verhilft ein lockeres Design, ein salopper, auch mal frecher Ton und viel Subjektivität: Es gilt, frischen Wind in alte Tüten zu blasen. Inhaltlich aber sind die Themen und ihre journalistische Aufbereitung, Ausgabe für Ausgabe, Tüte für Tüte, immer noch äußerst ähnlich denen der vor sich hin kriselnden Print-Konkurrenz. Musik bleibt Musik, lieben Sie Brahms oder lieben Sie ihn nicht, so leicht lässt sich nun mal kein Rad neu erfinden, auch nicht in der schönen neuen digitalen Welt.

          Oder doch?

          Am 5. August, in der Salzburg-Kulisse, stellten fünf Leute die erste Plattform für den digitalen Fair-Trade-Handel mit klassischer Musik vor. Vier Musiker, ein Musikmanager. Die Worte „Pop“ oder „Subkultur“ oder „Krise“ kommen in ihrem Vokabular nicht vor. Zitiert wird zunächst mal der klassische Supersommerstar Richard Wagner, der zwar anno 1850 auch schon mit dem Krisengerede vom Publikumsschwund konfrontiert war, aber weder Mikro noch iPhone kannte und erst recht keine zwei Millionen Follower in den Social Networks vorweisen konnte wie der sechsundzwanzigjährige taiwanesische Geiger Ray Chen.


          Wagner schlug vor: „Ich würde überall hin Einladungen ausschreiben und – natürlich gratis – drei Vorstellungen in einer Woche hintereinander geben.“ Übersetzt ins Jahr 2015: „Wir wollen für die klassische Musik endlich einen relevanten und adäquaten Platz schaffen im Netz.“

          Als Streaming und als Download. Grundsätzlich ist das Angebot gratis. Nach der Testphase soll es ab 2016 auch ein Premiumsegment geben mit allerhand Extras wie HD-Sound oder Offline-Modus, für 5 Euro monatlich. Jedoch: „Der Unterschied zwischen Gratis und Premium soll sich über den Nutzungskomfort definieren – nicht über die Restriktion von Inhalten. Wir wollen, dass Klassik gehört wird, von allen.“

          Und zwar in bestmöglicher Klangqualität: Gestreamt wird zunächst in aac-Audiodateien mit einer Bitrate von 130 kbps, an der Weiterentwicklung wird gearbeitet. Schluss mit den Menetekeln! Die Zukunft ist glänzend, klassische Musik das nächste ganz große Ding!

          Tags darauf wird die iOS-App für die Plattform freigeschaltet. Im September folgt die Web-Version. Geboten wird der Zugriff auf einen Katalog von mehreren tausend Stunden Musik mit Aufnahmen von Karajan bis Harnoncourt, von Callas bis Rubinstein, alles, was frei zugänglich ist, und zwar sauber kuratiert und genau bezeichnet. Dank einer neu entwickelten, klassikspezifischen Software kann man sich hier wirklich zurechtfinden. Es ist nicht mehr nötig, sich auf der Suche nach, zum Beispiel, einer bestimmten Aufnahme mit Schuberts C-Dur-Symphonie auf gut Glück durch ein Gestrüpp aus zig „Schubert Songs“ zu scrollen, wie bei den herkömmlichen nach popmusikspezifischen Kriterien organisierten Distributoren iTune oder Spotify.

          Diese neue Plattform heißt Idagio, so, wie der Oscar Oscar heißt oder Google Google: Es gibt für diesen Namen keinen vernünftigen Grund, außer: Wer ihn einmal gehört hat, vergisst ihn nicht so schnell. Jedenfalls ist er gut genug, dass schon vor Monaten, als die ersten Nachrichten über Idagio in der Branche die Runde machten, Witze darüber gemacht wurden, à la: klingt wie erfunden von drei alten Tanten bei einem Gläschen Eierlikör.

          Das Ende der Untergangsszenarien

          Drei Jungunternehmer tragen gemeinsam das Start-up-Risiko von Idagio: Der Musikmanager und ehemalige Cami-Agent Till Janczukowicz, der Betriebswirt und Simfy-Betreiber Christian Lange sowie der Pionier für digitale Vernetzung und Softwareentwickler Stefan Fritz. Das Team drum herum ist klein: zehn Spezialisten, die teils in der Musik, teils im Netz, teils in beidem daheim sind. Hinter der Finanzierung steht maßgeblich der australische Investor Macquarie Capital, was dafür spricht, dass die Idagio-Gründer einen langen Atem haben und expandieren wollen.

          Statt vorauseilend den seit Wagners Zeit bekannten Weltuntergangsszenarien nachzustolpern, haben sie sich erst einmal die aktuellen Zahlen vorgenommen. Sie fanden einerseits eine Oxford-Studie über die Entwicklung der Arbeitswelt in den Vereinigten Staaten. Die besagt, dass in den nächsten zwei Jahrzehnten an die Hälfte der Arbeitsplätze der Computerisierung zum Opfer fallen. Auch ein Drittel wäre schon alarmierend. Menschenwerk ist offenbar in vielerlei Hinsicht ersetzbar. Nicht ersetzbar sind die kreativen Aktivitäten des Menschen. Für das Musikmachen, für das Musikhören wird man auch in Zukunft noch Hände, Hirn und Ohren benutzen müssen. Sehr beruhigend!

          Eine Plattform wie Idagio wird die Liveperformance von Musik weder ersetzen noch behindern. Sie wird aber sicherlich deren Verbreitung befördern, so, wie schon Mikro, Tonband, Musikkassette und CD die Verbreitung der Musik befördert haben. Noch nie in der Geschichte der Zivilisation wurde so viel verschiedenartige Musik von so vielen verschiedenen Menschen rezipiert wie heute. Nie zuvor wurde weltweit so viel Mozart und Beethoven verkostet, so viel Bruckner und Mahler, Schönberg und Schostakowitsch live gespielt und gehört. Und nie zuvor konnten lebende Komponisten mit ihren Uraufführungen so viele offene Ohren erreichen wie heute.

          Nicht die Musik hat eine Krise. Nicht die Klassikhörer sind es, die aussterben. Vergreist, verkalkt, veraltet sind nur die Trägermedien. Dem Untergang geweiht sind nur die Distributoren, all diese traurigen Musikmakler und pädagogisch versierten Musikvermittler mit ihren kafkaesk umständlichen Marketing-Methoden und verlustreichen Rezepten, wie Musik unter die Leute zu bringen sei. Nur etwa sechs Prozent der Musikliebhaber hören klassische Musik. Für die großen Medienkonzerne wie Universal ist das nur ein Klacks. Es könnten aber ruhig ein paar mehr sein, finden die Idagio-Macher.

          Bekanntlich wird der Zugang zu klassischer Musik erschwert von allerhand historisch gewachsenen Barrieren: Diese Musikform ist differenziert; sie ist menschenintensiv und infolgedessen kostspielig in der Herstellung; sie verlangt von den Hörern, dass sie Interesse mitbringen, vielleicht auch etwas Vorwissen, auf jeden Fall aber ein gerüttelt Maß der raren Währung Zeit. Man kann sich, wann immer man will, hinein- und wieder hinauszappen aus einer Wagneroper. Aber noch ist es nicht gelungen, eine dreieinhalbminütige Version von „Götterdämmerung“ herzustellen, die genau so viel Mehrwert für Geist und Seele schafft wie das Original in vier Stunden.

          Klassische Labels recyceln lieber ihren Bestand

          Die großen klassikvertreibenden Label Sony, Warner, Deutsche Grammophon, die einander schon seit Dekaden bis auf den letzten Knochen kannibalisierten, gehen dem Untergang entgehen. Die kleinen Labels auch, vermutlich etwas später. Die meisten Klassikhörer könnten freilich jetzt schon auf die meisten Klassiklabels verzichten, deren Angebot immer dürftiger geworden ist. Längst sind sie dazu übergegangen, kaum mehr selbst zu produzieren. Sie verlegen Livemitschnitte und recyceln ihren Back-Katalog. Woraus folgt: Auch die meisten Musiker können auf diesen Zweig der Musikindustrie eigentlich verzichten. Viele von ihnen – ein gutes Dutzend der großen Orchester, aber auch Individuen, Sänger, Geiger, Pianisten – produzieren ihre Aufnahmen inzwischen selbst. Nur der Vertrieb macht noch Probleme.

          „Die einzig wirklich unverzichtbaren Akteure in der Musik“, so erklärt es Till Janczukowicz von Idagio, seien die Musiker und diejenigen, die ihnen zuhören: „musicians and listeners“. Und das ist auch schon die ganze Philosophie dieser neuen digitalen Plattform. Idagio wurde entwickelt, um nach dem Vorbild der Fair-Trade-Importeure den Zwischenhandel in der Musikbranche auszuschließen und ein direktes Netzwerk zwischen Musikern und Musikhörern aufzubauen. Die Rechte an der Aufnahme bleiben bei den Urhebern.

          Die Vorteile liegen, wie bei den Kaffeeproduzenten der Dritten Welt, klar in bar auf der Hand. Statt mit durchschnittlich 3,5 Prozent, wie zurzeit noch bei den klassischen Labels, sind die Musiker bei Idagio mit 42,5 Prozent am Umsatz beteiligt. Am 5.August sitzen außer dem Geiger Ray Chen und dem Bariton Thomas Hampson auch noch die Wiener Philharmoniker, das Cleveland Orchestra mit dem Dirigenten Franz Welser-Möst sowie das Philharmonia Orchestra mit im Idagio-Boot. Inzwischen werden es wohl schon einige mehr sein.

          Falls Idagio nicht in den nächsten Wochen wie eine schöne Seifenblase wieder zerplatzt, wird dieses Start-up die klassische Musikszene revolutionieren. Man sei spät dran, meint Janczukowicz: „Lebte Karajan noch, der wäre sicher schon seit zehn Jahren in Silicon Valley unterwegs.“

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