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Ist das noch Politik? : Lockdown ist kein Hexenwerk

Scharfer Lockdown Bild: AFP

Pandemiepolitiker flüchten sich in rhetorische Verlegenheitsdiplomatie, statt klar zu kommunizieren. Nicht die einzige Halbherzigkeit.

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          Weil so viel über den Lernprozess und die Fehler in der Pandemie geredet wird und damit auch über den Gesundheitsminister, der schon reichlich übers Verzeihen sinnierte, aber wenig über die unverzeihlichen Fehler, seien hier mal zwei Beispiele aus dieser Kategorie herausgegriffen: Eine „gewisse Zeit“ müsse man wohl die Schulen und Kitas schließen, das kündigte Sachsens Ministerpräsident Kretschmer gestern an, und Karl Lauterbach, der virologische Vordenker in Berlin, hielt es in einem Interview für angemessen, den Lockdown erst mal „zeitlich unbefristet“ zu verlängern.

          Die beiden halten ihre rhetorische Flucht ins Ungewisse vermutlich für einen politisch geschickten Schachzug, so kurz vor der neuen Lockdown-Entscheidung der Exekutive. Die vorweggenommene Ratlosigkeit. Die Frage ist nur: Ist das noch Politik? Oder schon bloße Verlegenheitsdiplomatie gegenüber dem Bürger? Das Ungewisse und das Ungefähre haben in dieser Pandemie zugegeben einen hohen Stellenwert, Politik aus Verlegenheit ist da eine naheliegende Strategie. Auch wissenschaftlich gesehen gibt es dafür Gründe: Datenlücken allenthalben – und immer noch, auch ein Jahr nach dem Ausbruch der Pandemie. Die Gesundheitsämter, die Corona-App, die Teststrategie, die Genomanalytik – überall gibt es unerledigte Baustellen.

          Drei, vier Wochen von einem fast normalen Leben entfernt

          Die einzigen Konstanten in diesem gesundheitspolitischen Blindflug sind die Halbherzigkeiten. Bis zum Herbst krallte man sich so lange an halben Sachen fest, bis es zu spät war und die Fallzahlen von Oktober an wochenlang exponentiell stiegen. Wir müssten mit dem Virus leben lernen – auch das war eine Formel der fehlerhaften halben Sachen, die sich in den Köpfen festsetzte. Von dem eigentlichen wissenschaftlichen Lernprozess, den auch die Datenlücken nicht verhinderten, koppelte sich die Politik dabei fahrlässig ab – nur um damit die Lösung zu verschleppen, die so kompliziert gar nicht ist. Auf den Punkt gebracht: An jedem einzelnen Tag dieser Pandemie sind wir lediglich drei, vier Wochen von einem fast normalen Leben entfernt. Ohne weiteren Lockdown. Um diese drei oder vier Wochen geht es: Fallzahlen maximal reduzieren, ohne jede Kompromisse, ohne Halbherzigkeiten. Die Kontrolle wiedergewinnen, dann wird vieles wieder möglich. Asiatische Beispiele gibt es genug dafür, mehrheitlich sogar demokratische.

          In drei oder vier harten Wochen, auch dazu gibt es demokratisch begründete Hoffnung, bricht weder der gestandene Rechtsstaat zusammen, noch werden die globalen Kapital- und Warenströme unwiederbringlich versiegen oder die Skilifte auf ewig zurosten. Der Lerngewinn wäre enorm: Das Risiko etwa, dass ansteckendere oder tödlichere Virusmutanten entstehen und sich verbreiten, lässt sich nur mit der konsequenten Eindämmungsstrategie minimieren. Warum also nicht vier Wochen pausieren und isolieren? Wem das zu einfach klingt oder gar unmenschlich, der möge es weiter mit den Berliner Wackelstrategien versuchen.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

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