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Klage gegen Erdogan : Fehlt dem Präsidenten das Diplom?

Kein Langzeitstudent: der türkische Staatspräsident Erdogan beim Empfang eines Ehrendoktorats Bild: AFP

Reccep Tayyib Erdogan hat studiert, aber auch lang genug, um türkischer Präsident zu sein? Eine Rechtsklage will ihm das Amt aberkennen. Die Universität verweigert die Herausgabe des Diploms.

          Mächtige Widersacher auf dem Weg zur unumschränkten Präsidialmacht hat der türkische Präsident Erdogan schon zur Seite geräumt, ein Stolperstein lauert aber noch: seine akademische Vita. Zwar ist Erdogan mit Ehrendoktorwürden reich dekoriert. Sein eigenes Universitätsdiplom ist aber kein Ruhmesblatt. Laut seiner amtlichen Biographie hat Erdogan 1981 einen Abschluss in Wirtschafts- und Verwaltungswissenschaften an der Marmara-Universität abgelegt. Das entsprechende Institut wurde unter diesem Namen aber erst ein Jahr später gegründet. Der heutige Rektor der Universität, ein früherer Kommilitone, hat zur Wahl ins Präsidentenamt ein Foto der Urkunde geschossen, das heute den Nachweis führen soll, dass Erdogan überhaupt präsidiabel ist. Die Wahlbehörde schweigt nämlich auf die Frage, warum Erdogan sein Diplom nicht, wie es die Verfassung vorschreibt, vor der Wahl zur Prüfung vorlegte.

          Laut Gesetz muss der höchste Mann im türkischen Staate einen Abschluss über vier Jahre akademische Bildung vorweisen. Der Verband der Hochschulprofessoren zweifelt, dass Erdogans Zeugnis diesem Anspruch genügt. Auch von Urkundenfälschung ist die Rede. Der Name des Instituts auf dem Foto stimme nicht mit dem in Erdogans Vita überein. Der ehemalige Staatsanwalt Ömer Faruk Eminagaoglu hat bei der Wahlkommission und der Staatsanwaltschaft Ankara Klage eingereicht. Er will Erdogan nicht nur das Präsidentenamt streitig machen, sondern ihn auch von jeder künftigen Präsidentenwahl ausschließen, es sei denn, dass er noch ein paar Scheine nachmacht.

          Dass die Wahlkommission die Klage postwendend zurückgewiesen hat, verwundert wenig. Erstaunlicher ist schon die offene Opposition der Hochschulprofessoren. Der Arm des Präsidenten reicht längst auch in die Universitäten, durch die derzeit eine Sanktionswelle gegen kritische Geister rollt. Die Unterzeichner eines Friedensappells gegen den Krieg in der Osttürkei, von Erdogan als „finstere und ignorante Pseudo-Intellektuelle“ verunglimpft, werden mit tätiger Mithilfe des Hochschulrats unter dubiosen Gründen entlassen, festgenommen und unter dem Vorwurf der Terrorismus-Unterstützung vor Gericht gezerrt. Erdogans Sprecher fragt genervt, ob er vom Diplom seines Vorgesetzten zehn Millionen Kopien herumschicken solle, damit auch der letzte Zweifler verstumme. Es würde schon reichen, dass die Marmara-Universität ihr Archiv öffnet und die Prüfung erlaubt. Vor der Präsidentenwahl hatte sie es vorsorglich geschlossen.

          Thomas Thiel

          Redakteur im Feuilleton.

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