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Kissinger Sommer : Illusionslos, aber liebevoll

Kent Nagano (Mitte), Nikolai Lugansky (links) und das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin spielen das zweite Klavierkonzert von Johannes Brahms in Bad Kissingen. Bild: Kissinger Sommer

Beim Kissinger Sommer gelangen neue Lieder von Wolfgang Rihm nach Uwe Grüning zur Uraufführung, und dann wird Brahms gespielt, dass die Haare fliegen.

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          Vier Zeilen umfasst das Gedicht „Abend“ von Uwe Grüning, gespannt zwischen Entsagung und Gewinn: „Die Schattengrenzen verlöschen. / Keiner / nimmt mir mein Recht, / ein Verbannter zu sein“. Wolfgang Rihm braucht dreizehn Takte für sein Lied. Die ersten drei gehören dem Klavier allein, in tiefer Lage und dreifachem Pianissimo. Der Pianist Axel Bauni spielt sie mit bergender Wärme. Die Dissonanzen entfalten einen erdigen Duft. Nach ganzen drei Takten explodiert die Musik zur Geste der Abwehr. Sie weist, im Fortissimo, Gefährtenschaft zurück. Gegen das Metrum setzt das Klavier scharfe Akzente. Doch dann schiebt der Tenor Julian Freibott im Pianissimo vom hohen A zum Fis abwärts ein Wort nach: „keiner“. Es könnte klingen wie mit diebischer Freude gesungen, als würde sich einer im Bewusstsein absoluter Unbelangbarkeit die Hände reiben. Doch Rihm schreibt ein dolcissimo vor: Lieblich und süß soll es klingen, was Freibott großartig gelingt. Damit tritt eine weitere Spannung in Grünings Lyrik zutage: jene zwischen Zurückweisung und Güte.

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Im Februar dieses Jahres hatte Wolfgang Rihm Bekanntschaft mit dem Gedichtband „Bienenkönigin Zeit“ von Uwe Grüning gemacht, genau zwischen dem achtzigsten Geburtstag des Dichters und dem siebzigsten des Komponisten. Bereits nach erstem Durchblättern war er gebannt von den „wunderschönen, tiefenscharfen Sprachbildern“, wie er im Gespräch mit der F.A.Z. sagt, und empfand, nach einem knappen Jahr schöpferischen Gelähmt-Seins durch die allgemeine Corona-Depression und die eigene Krankheit (F.A.Z. vom 11. März), wieder Ermutigung zum Komponieren. Sechs hochkonzentrierte, still-gespannte Lieder nach Grüning sind nun zwischen März und Juni entstanden, die als Sammlung den doppeldeutigen Titel eines Grüning-Gedichts tragen: „Überwundene Zeit“. Wer das Gedicht, das auch Teil von Rihms Sammlung ist, kennt, wird merken, dass hier nicht eine konkrete Zeit im Leben überwunden ist, sondern die Zeit als solche – in einem Zustand der Schicksallosigkeit und der reglosen Augen. Aber: „Alles / scheint ohne Gewalt / und wird / unendlich leicht / wie mein Leben“. Im Erspüren der gedanklichen Polungen von Grünings Lyrik hat Rihm in seiner Musik alles vordergründig Bildhafte weggelassen und sich ganz auf Spannkraft und Farbe der Harmonik konzentriert, während die Singstimme den Ton einer klarsichtigen, aber liebevollen Weisheit findet.

          Bei der Kissinger Liederwerkstatt als Teil des Festivals Kissinger Sommer ist „Überwundene Zeit“ nun zur Uraufführung gelangt gemeinsam mit weiteren Liedern unserer Zeit. Manfred Trojahn malt in den vier Liedern „Brügge“ nach Stefan Zweig eine Reihe intimer Landschaften von perlgrauer Schwermut, die ersten beiden durch das Motiv der aufsteigenden Sekunde im Klavier motivisch verbunden, dazu immer wieder diskret die Glockenklänge aus dem Text aufgreifend. Der „alten Häuser leises Trauern“ und „die Träume der Vergangenheit“ finden hier zu einem musikalischen Fin-de-siècle-Ton mit neuen Mitteln: Nichts an ihnen wirkt wie aus zweiter Hand. Der Silberglanz, in den die Sopranistin Sarah Aristidou – die im November den mit zwanzigtausend Euro dotierten Belmont-Preis für zeitgenössische Musik der Forberg-Schneider-Stiftung erhalten wird – die Melancholie dieser Lieder taucht, verstärkt den Eindruck der Frische noch.

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