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© Picture-Alliance

„Thank you for proving me innocent!“

Aufgezeichnet von KARIN TRUSCHEIT

9.12.2016 · Heute wird Kirk Douglas 100 Jahre alt. Die deutsche Schauspielerin Almut Berg erinnert sich an die Zusammenarbeit für den Film „Die Wikinger“ mit dem letzten echten Mann aus Hollywood.

Er war so ein reizender Kerl! Ich würde mich aber nie als seine Kollegin bezeichnen. Er war Kirk Douglas, der Hollywoodstar. Und ich war 19 Jahre alt, kam aus München und hatte noch nie in einem Film mitgespielt. Es war meine erste Rolle überhaupt. Aber Kirk Douglas hatte keine Allüren, überhaupt nicht. Er hat mit allen am Set gesprochen, ob Haupt- oder Nebendarsteller, immer mal mit den Komparsen eine Zigarette geraucht oder ein Bier getrunken. Er hat auch morgens alle freundlich begrüßt: „Good Morning every-body!“ Mich hat er oft auf Deutsch angesprochen, er konnte es ja ein bisschen. „Guten Morgen, Pigtails!“ Oder, nach dem Mittagessen: „Hat es Dir geschmeckt?“ Er fand das lustig.

© Picture-Alliance Kirk Douglas in „Die Wikinger“.

Kirk Douglas war so unkompliziert und natürlich wie alle Amerikaner. Unkompliziert lief auch schon unser erstes Treffen ab. Es war ja ein riesiger Zufall, dass ich überhaupt in „Die Wikinger“ mitspielen konnte. Nach der Schule wollte ich Schauspielerin werden. Ich hatte im Schultheater schon den Mephisto gespielt. Meine Großmutter hat mich darin unterstützt, ich bin überwiegend bei meinen Großeltern in München aufgewachsen. Also sagte sie, ich solle zu einer Schauspielschule gehen. Das war 1956. Die Aufnahmeprüfung für die Otto-Falckenberg-Schule in München hatte ich allerdings gerade verpasst. Ich nahm dann Privatunterricht bei Lehrern der Schule, bei Frau Turowski und Friedrich Domin.

Als ich einmal vom Schauspielunterricht kam, traf ich auf der Maximilianstraße einen Bekannten, der Reporter bei der „Abendzeitung“ war. Er wollte gerade nach Geiselgasteig rausfahren, wo die Bavaria-Filmstudios waren. Dort hatten sich viele Miss-Kandidatinnen für die Wahl zur „Miss Germany“ versammelt, um Kirk Douglas zu treffen, der dort für die Dreharbeiten von „Paths of Glory“ war, „Wege zum Ruhm“. Mein Bekannter wollte darüber berichten. „Willst Du mitkommen?“ Und ob ich wollte!

© Picture-Alliance Szenen aus dem Film „Die Wikinger“

Auf dem Filmgelände musste ich lange auf ihn warten und ging deshalb neben den Hallen spazieren. Auf einmal kommt ein kleiner Mann mit wallenden roten Haaren auf mich zu. Auf Englisch sagte er zu mir, ich solle nicht so traurig schauen, aber „er“ sei eben sehr müde. Ich verstand überhaupt nicht, was er wollte oder wen er mit „er“ meinte. Es war Calder Willingham, wie ich später erfuhr, der Drehbuchautor von „Wege zum Ruhm“, der dann auch das Drehbuch für „Die Wikinger“ schrieb. „Ich probiere es mal“, sagte er zu mir, „vielleicht macht er für eine Miss eine Ausnahme. Come on!“

Ich verstand immer noch nichts. Denn was ich nicht wusste: Kirk Douglas hatte allen jungen Miss-Anwärterinnen abgesagt, er war gerade erst aus Amerika angekommen, hatte Jetlag und wollte niemanden sehen. Und Calder Willingham dachte, ich sei eine der Miss-Kandidatinnen. Ich ging also trotz meines mulmigen Gefühls hinter ihm her in eine der Hallen, bis in die Garderobe von Kirk Douglas. Die Tür ging auf, und da saß er auf einer kleinen Couch und blickte uns an. Ich setzte mich neben ihn.

„So, du bist eine Miss?“ – „Ja, ich bin nicht verheiratet.“ – „Du willst also Miss Germany werden?“ - „Nein, ich will Schauspielerin werden!“ Dann erzählte ich ihm kurz, dass ich gerade Unterricht nahm. Er sagte, er werde einen Film machen, „The Vikings“. Da gebe es eine Rolle für ein blondes, junges, hübsches Mädel. „Hättest Du Lust?“ Ich habe sofort „ja“ gesagt und sollte dann meine Adresse aufschreiben. Dann kam noch der Regisseur Stanley Kubrick herein, er hatte einen Fotografen dabei, der ein Foto von Kirk Douglas und mir machte. Und schon war ich wieder draußen.

  • © Picture-Alliance Der junge Kirk Douglas mit Jane Wyman 1950 in dem amerikanischen Spielfilm „Die Glasmenagerie“.
  • © Picture-Alliance Kirk Douglas in dem Film „Stadt der Illusionen“, 1952.
  • © Picture-Alliance Douglas 1952 in „The Big Sky – Der weite Himmel“.
  • © Picture-Alliance Kirk Douglas in dem Monumentalfilm „Fahrten des Odysseus“ von 1954.
  • © Picture-Alliance Burt Lancaster und Kirk Douglas 1957 in dem Film „Schießerei am O. K. Corral“.
  • © Picture-Alliance Der Historienfilm „Spartacus“ (gespielt von Kirk Douglas) von 1959 gewann vier Oscars.
  • © Picture-Alliance Kirk Douglas mit Julie Newmar, Leslie Parrish und Mitzi Gaynor in „Der Fuchs geht in die Falle“ 1963.
  • © Ullstein Der Kriegsfilm „Der Schatten des Giganten“ von 1966 (mit John Wayne) beschreibt die Entstehungsgeschichte des Staates Israel.
  • © obs Mit John Wayne wartet Kirk Douglas im Western „Die Gewaltigen“ (1967) auf den richtigen Moment.
  • © Picture-Alliance Im Drama „Das Arrangement“ (1969) spielt Kirk Douglas einen Mann, der aus dem Leben gerissen wird.
  • © Picture-Alliance Henry Fonda und Kirk Douglas in einer Szene des amerikanischen Spielfilms „Zwei dreckige Halunken“ von 1970.
  • © Picture-Alliance Kirk Douglas und Farrah Fawcett 1980 in dem britischen Spielfilm „Saturn 3“.
  • © Picture-Alliance Kirk Douglas und Burt Lancaster in einer Szene aus dem Film „Archie und Harry - Sie können`s nicht lassen“ von 1986.

Nach einem Jahr etwa bekam ich einen Anruf von den Bavaria Filmstudios. Ich solle sofort nach Geiselgasteig kommen. Sie gaben mir ein Flugticket nach Norwegen und einen Vertrag für die Rolle der „Pigtails“ in den „Wikingern“. Ich sollte also seine Wikinger-Geliebte spielen. Kirk Douglas hatte sein Versprechen gehalten, ich war überwältigt. Mein Vater verbot es sofort: „Kommt nicht in Frage!“ Doch meine Großmutter konnte ihn umstimmen. Also flog ich nach Oslo. Kaum angekommen, gab es den ersten Tiefschlag: Ich solle sofort wieder abreisen, als Deutsche würde ich in Norwegen gehasst, hieß es von der Pressestelle des Filmstudios. Sie suchten schon mit Werbeanzeigen in ganz Skandinavien nach Aspirantinnen für Wikinger-Mädchen. Ich war verzweifelt.

Doch dann kam Kirk Douglas. „Keine Angst, das regeln wir schon.“ Er sah wohl, dass es für mich als Deutsche ein Problem geben würde in Norwegen. Also flog ich nach zwei Tagen zurück nach Deutschland. Doch ich war weiter dabei. Denn Kirk Douglas – als Produzent des Films konnte er das – hatte es so organisiert, dass die Aufnahmen mit mir in Deutschland gedreht wurden. Dort sollten sowieso die Innenaufnahmen stattfinden. Man hat dann für meine Szene sogar die Hütte für meine kurze Außenaufnahme nachgebaut.

Erst liege ich mit dem Wikinger Einar, gespielt von Kirk Douglas, im Bett, dann laufe ich aus der Hütte, als mich Einar allein zurücklässt. Eine weitere Szene ist die „Prüfung“ meiner Unschuld durch meinen zornigen Ehemann nach meinem Zusammensein mit Einar. Da musste ich meinen Kopf durch ein Rad stecken. Mein Mann soll dann mit Beilen auf mich werfen: Trifft er meinen Kopf, bin ich schuldig. Schneidet er nur die Zöpfe ab, bin ich unschuldig. Einar nimmt meinem Mann aber das Beil aus der Hand, wirft und trennt treffsicher die Zöpfe ab. So rettet er mein Leben. Ich werde den Satz nie vergessen, den ich zu Kirk Douglas sagen musste: „Thank you for proving me innocent!“

© www.dailymotion.com Die „Prüfung“ in „Die Wikinger“.

Diese Szenen wurden alle in Deutschland gedreht. Es war großartig, ein wunderbares Team. Und Kirk Douglas war so ein wunderbarer Mann. Nie anzüglich, der perfekte Gentleman. Das habe ich später bei deutschen Schauspielern leider anders erlebt. Er sah auch so phantastisch aus. Er muss viel Sport gemacht haben, er war sehr muskulös. Aber verliebt war ich nie in ihn, dazu hatte ich viel zu viel Respekt. Er war für mich eher der „Herr Douglas“. Aber er war auch nicht in mich verliebt, er war ja verheiratet – und 22 Jahre älter. Über Privates haben wir uns nie unterhalten. Nie hat er gefragt, ob ich einen Freund habe, oder was meine Eltern machten. Aber er hat sich für meine Schauspielausbildung interessiert, ich habe ihm erzählt, dass ich in der Schule Theater gespielt habe.

Für ihn als Sohn russisch-jüdischer Einwanderer war es auch kein Problem, dass ich Deutsche war, nicht einmal so kurz nach dem Krieg. Kirk Douglas hat uns immer sehr zuvorkommend und nett behandelt. Ebenso unkompliziert war Tony Curtis, der Einars Halbbruder Erik gespielt hat, seinen Gegner im Film. Mit Curtis konnte man wunderbar herumalbern, er hatte immer Unsinn im Kopf. Seine Frau Janet Leigh mochte es aber nicht, wenn ihr Mann mit mir herumflachste. Die Tochter der beiden, Jamie Lee, saß oft bei mir auf dem Schoß.

© Picture-Alliance Fotografien, die Kirk Douglas in den 50er Jahren zeigen. Das Familienportrait zeigt Douglas mit Sohn Joel und seiner damaligen Frau Diana.

Wenn man mit Amerikanern drehte, waren immer alle ein Team, da gab es keine Hierarchie. Man wurde auch als Kleindarsteller nicht so herumgeschubst, wie ich es später bei deutschen Produktionen erlebt habe. Heinz Erhardt zum Beispiel, mit dem ich 1970 „Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern“ gedreht habe, war bei den Dreharbeiten immer für sich, wollte nie mit den anderen etwas zu tun haben. Ganz anders als Kirk Douglas. Ich werde ihm das nie vergessen, dass er sein Versprechen damals in der Garderobe gehalten hat. Meine Karriere wäre ohne die Rolle in den „Wikingern“ sicher nie so verlaufen. Man muss sich das vorstellen: Kirk Douglas verspricht mir unbekanntem Wesen eine Rolle, und ein Jahr später macht er das tatsächlich wahr. Und es gab doch Tausende hübsche blonde Mädchen, denen er in der Zwischenzeit begegnet war. Es ist einfach so: Kirk Douglas, das war noch ein Mann mit Charakter.

© Picture-Alliance Kirk Douglas an seinem 99. Geburtstag mit seinem Sohn Michael und dessen Frau Catherine Zeta-Jones.

Almut Berg Sie sieht nicht nur blendend aus, sondern ist mit 1,81 Metern auch eine sehr große Frau. Das hat sie auch schon um eine Rolle gebracht – als Mordopfer von Mario Adorf. Eine so große Frau könne unmöglich glaubhaft ermordet werden, meinte der Regisseur Robert Siodmak bedauernd. Er sollte es 1960 mit einer winzigen Rolle für sie in dem Film „Mein Schulfreund“ mit Heinz Rühmann wieder gut machen. Da hatte sie bereits mit Kirk Douglas und Tony Curtis in dem Historienfilm „Die Wikinger“ gespielt, als wenig sprechende Geliebte des Wikingerkämpfers Einar (Kirk Douglas).

Ihre erste Rolle überhaupt war eine prägende Erfahrung für die gerade mal 19 Jahre alte Münchnerin: Am Set lernte sie amerikanische Lässigkeit und die Souveränität der Profis kennen. Geboren am 16. August 1938, hatte Almut Berg schon in der Schule Theater gespielt und ihr Herz an die Schauspielerei verloren. Nach den Wikingern folgten Banditen: Sie spielte in Filmen wie „Die rote Hand“ mit Paul Hubschmid oder in „Bankraub in der Rue Latour“ mit Curd Jürgens. Neben Heinz Erhardt war sie 1970 in „Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern“ zu sehen. Kämpferischer zeigte sie sich 1973 in „The Amazons“ unter der Regie von Terence Young. Im Fernsehen wirkte sie bis vor einigen Jahren in der Krimiserie „Mit Herz und Handschellen“ mit oder in dem Film „Kein Tag zum Sterben“ aus der Reihe „Der Alte“. Heute lebt Almut Berg in München und erinnert sich gerne an ihre ersten Dreharbeiten, als sie mittags in der Kantine neben dem großen Kirk Douglas saß.

© ddp Images Im Film „Das kann doch unsren Willi nicht erschüttern“ (1970) spielte Almut Berg an der Seite von Günther Jerschke (hinten) und Heinz Erhardt.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Magazin

Veröffentlicht: 08.12.2016 12:01 Uhr