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Kirchentag in Berlin : 20.000 reißfeste Kondome

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Die Zeitungen des ungläubigen Berlin geben sich zum Kirchentag ganz christlich. Der „Tagesspiegel“ setzt einen Heiligenschein auf, die „Berliner Zeitung“ bespricht Gottesdienste, und die „taz“ ruft die Gläubigen zur freien Liebe auf.

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          Wir wollen Berlins Zeitungen ja keine unchristlichen Absichten unterstellen. Aber natürlich sind die geschätzt 200.000 Gäubigen, die zum ökumenischen Kirchentag in die „ungläubige Hauptstadt“ (F.A.Z.) strömen, eine nicht uninteressante Zielgruppe, und es dürfte durchaus lohnend sein, ihnen thematisch entgegenzukommen. So kirchlich jedenfalls wie an diesem Mittwoch zeigten sich die Berliner Blätter wohl noch nie.

          Der „Tagesspiegel“ zum Beispiel setzt sich auf seiner Titelseite mal eben selbst einen Heiligenschein auf. Seine Innenseiten quellen über von Programmhinweisen für alle Christen und solche, die es werden wollen: Sie können sich dieser Tage aussuchen, ob sie dabeisein möchten, wie der Dalai Lama „seine Vision einer globalen Ethik“ entwickelt, oder ob sie lieber dabei zuhören, wenn Angela Merkel „mit Schülern die Bibelstelle 1. Mose / Genesis 1, 26-2,3 interpretiert“. Als Zugeständnis an alle Ungläubigen, die das auch bleiben wollen, liefert die Brandenburg-Seite Ausflugstips ins Umland: „Auf der Landwirtschaftsausstellung in Paaren/Glien gibt's Frisches vom Bauernhof, im Spreewald öffnet ein Archäologie-Museum.“

          Die Beichte des Kardinals

          Auch die „taz“ kommt an dem Großereignis nicht vorbei. Ihre Titelseite füllt eine Zeichnung, die den Kirchentag unter der Überschrift „God is a DJ“ als spirituelle Love Parade präsentiert. Ihren Interviewpartner Kardinal Lehmann geht die nicht als kirchenfreundlich bekannte „taz“ gleich mit der ersten Frage knallhart an: Ob er schon einmal - trotz Verbotes - einem Protestanten die Kommunion gegeben habe? Der Kardinal antwortet nach langem Überlegen: „Ja. Aber ich habe vorher gesagt, daß ich das zwar nicht propagiere, aber in einem einzelnen Fall und unter bestimmten Bedingungen dulde.“

          Blättert man weiter, so stellt man überrascht fest, daß die „taz“ es mit ihrem Bild von der „Love Parade“ durchaus ernst meint und die Parole „Liebe deinen Nächsten“ ganz wörtlich nimmt. Der gerade vom Schlager-Grand Prix aus Riga zurückgekehrte Jan Feddersen nämlich fordert die jungen Christen ganz unverblümt zum munteren Sündigen auf. Schließlich „möchten die Kirchentagsbesucher ja tatsächlich, jeder und jede für sich, etwas Überwältigendes erleben“ und verfügten über eine „Kraft zur Transzendenz. Weltlich gesprochen: die Power, jemanden anzugraben, zu verführen, flachzulegen. Denn sie kommen in überwältigender Mehrzahl aus Regionen, wo die Stadt fern ist und lockende Sünde nicht offenbar.“

          Lob der Grünanlagen

          Feddersen weiß auch, daß zum Kirchentag in der Stadt reißfeste Kondome verteilt werden, allerdings nur 20.000 Stück: „20.000 Mal Geschlechtsverkehr unter den 100.000 Jugendlichen, die allein von heute in Berlin angereist kommen? Hieße das nicht, die hormonellen Schwankungen bei all dem Halleluja und Amen zu unterschätzen?“ Andererseits wachen in den öffentlichen Schlafsälen Aufpasser über den gesegneten Schlaf aller Schäfchen. Aber auch hier weiß Feddersen Rat: „Berlin hat sehr schöne Grünanlagen. Das Grün der Pflanzen und Bäume ist frisch und duftet zart und sei deswegen gelobt, mindestens bis Sonntag.“

          Zum Ausgleich für soviel Liebe darf sich auf der „Wahrheit“-Seite der „taz“ deren Haß-Beauftragter Wiglaf Droste bei Kaiser Nero darüber beschweren, daß er mit seinen christenfressenden Löwen während des Berliner Kirchentags nicht erschienen sei, „als hinter dem tausendfachen Christenlächeln der faulige Mundgeruch der Inquisition wehte, ausgeatmet von vertrocknet-greisen Käppchenträgern, die grienend 'den Fall der Mauern und den Sturz gefährlicher Götzenbilder' bejubelten, mit 'geistiger Einkehr', 'Besinnung', 'Nachdenklichkeit' und 'Freude' drohten und aller Welt den 'ethischen Lebensvollzug' nahe legten - wahrscheinlich in der Lebensvollzugsanstalt“. Die erwartbare Polemik also: geschenkt.

          In der Religionswüste

          Der Osten, das „am weitesten entkonfessionalisierte Gebiet Europas“ („taz“), ist die Heimat der „Berliner Zeitung“. Diese wagt sich zum Kirchentag am weitesten vor und setzt ihren Lesern, zur großen Mehrheit Bewohner der Religionswüste Ost-Berlin, eine monothematische Ausgabe vor - versichert aber zugleich, die Leser keineswegs missionieren, sondern informieren zu wollen. Das sieht dann so aus, daß im Sportteil Deutschlands Sportpfarrer als „Mutmacher und Ideengeber“ gelobt und auf der Medienseite die Geschichte des „Worts zum Sonntag“ erzählt wird.

          Das Feuilleton der Zeitung schließlich hat seine Theaterkritiker in die Kirche geschickt. „Ulrike Blume spielte mit zufriedenem Gesicht Bach, aber fast lieber noch Neueres, Jazziges mit Kirchenmusikantenhumor“, liest man in ihren Besprechungen, oder: „Pfarrer Daudert tritt frisch auf, spricht klar und deutlich.“ Der von Berufswegen strenge Blick der Kritiker verschont aber auch die Gottesmänner nicht: „Es geht ihm um alles, und darum verfehlt er alles“, lautet das gandenlose Urteil über eine Predigt. Als hätten es die armen Pfarrer in Berlin nicht schon schwer genug.

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