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Kirchenbau in Moskau : Bauhauptgewerbe

  • -Aktualisiert am

In Moskau soll ab sofort jeden Monat eine neue Kirche eingeweiht werden. Orthodoxe Würdenträger sind begeistert - andere weniger.

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          Moskau, Hauptstadt der Staus und rasenden Mönche am Steuer teurer Limousinen, verwandelt sich in die Märchenstadt der „vierzig mal vierzig“ Kirchenkuppeln, die nach der Legende einst das Stadtbild ausmachten. Das Bauprogramm zur Errichtung von zweihundert Gotteshäusern, für das eine Milliarde Dollar bereitsteht, lasse das Gemeindeleben vieler Viertel aufblühen, lobte der Patriarch Kyrill, der anlässlich der von drei luxusmotorisierten Geistlichen im vergangenen Jahr verursachten Unfälle nur karg verlauten ließ, diese hätten als Privatleute gesündigt.

          Opfergaben russischer Bürger

          Kritik an der Willkür von Würdenträgern wird vom Patriarchat als Ausdruck antikirchlicher Ressentiments abgetan. Wie auch Kritik an der gegenwärtigen Kirchenbauwut. Stadtverordnete der Kommunisten und der liberalen Jabloko-Parteien hetzten die Anwohner durch Rundschreiben auf, bald würde man Särge vor ihren Fenstern vorbeitragen, dauernd würden Kirchenglocken klingeln, klagte Kyrill gegenüber der Bauaufsicht. Maliziös zitierte das Kirchenoberhaupt „junge Damen“, die sich bei Anhörungen beschwert hätten, die Baustellen ließen für ihren Porsche Cayenne keinen Parkplatz übrig.

          Das klang wie eine barsche Antwort auf die Forderung des Theologen und Missionars Andrej Kurajew, die Kirche müsse anerkennen, dass Fälle wie der betrunkene Priestermönch Ilija, der mit seinem weißen Mercedes-Geländewagen, den ihm ein Freund aus dem hohen Klerus schenkte, im vorigen Jahr zwei Bauarbeiter totfuhr, auch ein russisch-orthodoxes Problem seien. Sicherheitshalber will Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin nun das Bautempo beschleunigen. Ab sofort wird jeden Monat eine neue Kirche geweiht.

          Wie geschmiert laufen die Bauarbeiten im rückständigen Moskauer Umland, wo das Prachtkloster Neu-Jerusalem runderneuert wird. Mehr als fünfzig Millionen Euro pumpte der russische Staat voriges Jahr in die Baustelle, im laufenden Jahr sollen es schon 25 Millionen sein. Dazu kämen Opfergaben russischer Bürger, teilte Premierminister Medwedjew mit. Wobei der Regierungschef verschwieg, dass kaum Banken und Unternehmen spendeten, sondern das abhängige Fußvolk, Mitarbeiter von am staatlichen Tropf hängenden Sozialeinrichtungen wie Nervenheilanstalten, Behindertenheimen, Waisenhäusern. Die Mitarbeiter hatten auf Weisung ihres Sozialministeriums unbezahlte Subbotniks veranstaltet, das gesammelte Geld auf ein Wohltätigkeitskonto überwiesen, das es an die Großbaustelle weiterleitete.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

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