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Leben in Berlin : Der nächste Späti ist immer in Sichtweite

  • -Aktualisiert am

Manchmal sitzt man da einen ganzen Tag: Sozialzentrum Spätkauf. Bild: dpa

Mensch ist man dort, wo sie zu meinem Hund „meine Sonne“ sagen: Der Spätkauf ist in Berlin nicht nur Einkaufsgelegenheit, sondern auch soziales Zentrum ganzer Nachbarschaften.

          6 Min.

          Vielleicht fünfhundert Meter lang ist die Gleimstraße, sie verbindet die unerträglicheren Teile von Berlin-Kinderwagenberg, durchs angenehm gemischte Gleimviertel hindurch, mit dem Tunnel zum Wedding. Hier gehe ich oft entlang, mit dem Hund oder einfach so. An den ganzen Inder- und Thaischuppen gehe ich ungerührt vorbei, da können die noch so sehr vor ihrem Laden stehen und mir zugrinsen. Die Spätis aber, vier Stück allein auf der Südseite, sie kenne und liebe ich alle. Späti, so heißen in Berlin die Kioske, sie sind gefühlt überall, und sie sind immer für dich da, Tag und Nacht, jahraus, jahrein, während drumherum die Läden aufpoppen und vergehen.

          Jeden Späti liebt man anders. In meinem ersten Gleim-Lieblingsspäti etwa sagen sie zwar kaum Hallo und Tschüs. Dafür haben sie dort einen billigen No-Name-Energydrink, mit dessen Erwerb ich das Red-Bull-Imperium vernichte. Hier bin ich eine Art Stammkunde. Niemand lässt sich das jemals anmerken, keine von den Kassendamen hat jemals eine unnötig freundliche Miene gezeigt. Aber die Dose verkaufen sie anstandslos. Und vor sich haben sie in einem Körbchen verstörend liebevoll gepackte Tütchen voller Süßkram stehen, die man immer gar nicht recht zuordnen kann. Ich vermute, sie haben noch eine knuffige Kopftuch-Omi irgendwo weiter hinten sitzen, zwischen den Bierkisten.

          Der Sonntag, an dem die Zahnpasta alle ist

          Zweihundert Meter westwärts kommt der nächste Lieblingsspäti. In dem bin ich fast noch nie Kunde gewesen, denn er hat eigentlich auch nie geöffnet. Jeden Tag gehe ich daran vorbei, immer ist er geschlossen, und immer überlege ich: Ja, klar, ich kann mir das Geschäftsmodell Späti eh nur als Geldwaschanlage erklären – wieso dann überhaupt aufmachen, wo man das Geld doch nur einmal im Monat oder so in die Kasse legen muss. So denkt einer sich das. Bis eines Montags eine wirklich äußerst hinreißende Freundin spät in der Nacht auf Berlinbesuch kommt, alle Kneipiers und Clubbesitzer bereits ihre Rollos runtergelassen haben, man unbefeuchtet auf der Gleimstraße sitzt, und es dann aber, aus dem sonst immer geschlossenen Späti aus dem Fenster leuchtet. Und der Mann drinnen einem zwei Bier für drei Euro verkauft, mitten in der Montagnacht, das Selbstverständlichste auf der Welt.

          Berlin ist ein Späti. Anders lässt sich das kaum sagen. Gewiss, es gibt zwischendrin Fahrradwege, Schuhgeschäfte, Polizeireviere, Drogeriemärkte. Aber sie alle sind doch nur pittoreske Blüten, gewachsen auf einer großen grünen Wiese von Spätis. Der nächste ist immer höchstens hundert Meter entfernt. Er hat alles. Jahrelang hast du da abends nur dein Rotkäppchen-Piccolöchen geholt. Dann kommt der Tag, an dem die Zahnpasta alle ist, und es ist ein Sonntag. Mutlos traust du dich in deinen Stammspäti hinein. . . gar kein Thema!

          Meine Lauge, mein Späti, mein Sitzplatz in der Sonne

          Der Spätimann zeigt dir einen nie beachteten Winkel des Ladens, da ist alles, von der Seife bis zum Katzenfutter. Nicht mal sonderlich teuer. Ohne Späti kein Berlin. Wer hier lebt, hat unter der Woche keine Zeit zum Einkaufen. Oder er lebt eben das Berliner Leben, in dem man sich nicht unnötig Stress machen muss. Da ist Sonntag früh auch mal das Klopapier alle. Weil man nicht dran gedacht hat. Muss man ja auch nicht. Man kann ja jederzeit zum Späti gehen. Der hat sonntags auf. Was allerdings nicht erlaubt ist. Aber wen schert das schon. Das ist ja schließlich Berlin hier.

          Zuletzt haben die Spätibesitzer einen Verein gegründet, um ihr und unser aller Gewohnheitsrecht in ein sicheres Format zu bringen. Aus anderen Bezirken hört man ja schlimme Dinge, dort soll es mitunter wildgewordene Einzelpolizisten geben, die mit Anzeigen vorgehen gegen die geöffneten Paradiese. Verrückte Welt! Ich schlendere im Strahlen eines Supersonntags zu meinem dritten Gleimspäti, einer Art kleiner Supermarkt, in dem ich leckeres Tomatenkouskous bekommen kann in maßvollen Portionen, oder eine okaye Laugenstange mit Käse, einen gar nicht mal so ungenießbaren Kaffee. Meine Lauge, mein Späti, mein Sitzplatz in der Sonne.

          Wo alle Fragen sich selbst eine Antwort geben

          Für umme kann ich hier schmausen und schmöken und kann sie auf mich wirken lassen: Die Radfahrer-Touri-Armaden, die ungelenk in die Sonnenburger Kirschblütenpracht einbiegen. Die Kleinfamilien, deren Vorstand die Tochter anherrscht, weil Mama und Papa sich jetzt der weiteren Sonntagsplanung widmen müssen. Den aus einer nahegelegenen Wohnküche gepurzelten Prenzlpapa mit Kind auf dem Arm, der kurz in den Späti rein- und dann mit einem Liter Biomilch wieder rausschlufft. Jungmänner aus aller Welt, die ihren Stolz kaum unterdrücken können: Dass man hier einfach so eine Flasche Bier koofen und mit dem Bier dann durch den Park loofen kann. Der Spätimann setzt sich zu mir, ich weiß nicht mal wie er heißt, vermutlich Mustafa.

          Mustafa fragt mich, ob ich schon im Mauerpark war, da sei wohl irgendwas los, und da hat er mich schon am Stichwort gepackt. Ich könne, sage ich, immer gar nicht begreifen, was die Leute am Mauerpark fänden, der Welt hässlichster Flecken sei der, Todesstreifen voller Kronkorken und Scherben, ich als Hundebesitzer wüsste da ein blutiges Lied zu singen, und dann diese furchtbar schlechten Bands, die dort, am besten drei gleichzeitig, ihren Schrott zum Vortrag bringen. Mustafa weiß, was ich meine, wir reden über miese Performances, reden über schlechten deutschen Hiphop, kommen auf die Boatengbrüder, mit denen Mustafa, natürlich, außer mit Jerome, aufgewachsen ist im Wedding damals. Dann muss er wieder rein, ich hatte ihn noch nach der Sonntagsöffnung fragen wollen, aber egal. Die Sonne scheint, wir sind in Berlin. Hier geben alle Fragen sich selbst eine Antwort, und die Antwort ist: Mach halt einfach.

          Im Übernächsten regiert orientalische Gastlichkeit

          Meine innere Uhr sagt, ich soll weitergehen, und ich strebe dem Falkplatz zu, am vierten Lieblingsspäti vorbei, da, wo die süßen Türkinnen immer ein Leckerli für den Hund parat haben, wo es zu den Zigaretten ein Lächeln gibt, und wo sie „meine Sonne“ sagen zu meinem Hund. Das ist der Lieblingsspäti meines Hundes. Von hier an kann es langsam Mittag werden, man hat ja die gute grüne Wostokbrause dabei, Estragon/Ingwer, sie hilft einem die nächste leichte Steigung hoch, dem Zentralgestirn folgend in seinem Aufwärtsstreben, in den Jahn-Sportpark, an einem italienischen Eiswagen vorbei, den hoffentlich niemand verbieten will, an der Schmelinghalle vorbei, auf deren Dachwölbung der Löwenzahn blüht, an der 2. A-Jugend des SV Empor vorbei, die gerade gegen Adlershof spielt, vielleicht sogar, die Strenge der Späti-Berichterstattung verlassend für Minuten, an der dortigen Wurstbude vorbei, um etwas Warmes in den Magen zu kriegen.

          Ein hoch verdientes 2:0 später zieht es einen zur Schönhauser Allee, wo ein Lieblingsspäti, der mit dem bärtigen Verkäufer im Herthatrikot aus unverständlichen Gründen tatsächlich geschlossen hat, so dass man bis zum übernächsten Lieblingsspäti fast ein wenig Durst bekommt. Dort aber regiert orientalische Gastlichkeit, der Späti eröffnet die Kastanienallee an ihrem Nordende mit einem ausladendem Gemüseangebot, mit Cola in allen Zuckerabstufungen, mit frischen Schafskäse-Brotaufstrichen, Oliven, einem großen Chipsständer und selbstredend mit türkischem Honig und Sesamriegelchen an der Kasse.

          Der soziale Höhepunkt des Tages naht

          Der Nachmittag entfaltet seine verblüffende Maienpracht, man hat gerade mal zehn Euro ausgegeben bislang. Zur Feier der Lage setzt man sich auf ein paar stehen gebliebene Bänke vorm Prater, nimmt einen Mango-Ayran zu sich und „Mr. Tom“, so sammelt man Kraft für den übrigen Tag. Man sieht die Straßenbahn anrollen, anhalten und minutenlang nicht mehr losfahren, weil die Fahrerin erst mal sehr geduldig einem Rollstuhlfahrer an Bord helfen muss. Man ignoriert, die Oderberger hinunter, all die grauslichen Außenrestaurationen voller Menschen, die aufs Essen warten oder auf ein Gesprächsthema oder dass ein außergewöhnlicher Blick sie trifft.

          Man nähert sich dem sozialen Höhepunkt des Tages: Vorm Späti am Ende der Oderberger habe ich kürzlich einen ganzen Nachmittag mit der Malerin Esther gesessen, wir haben den Türkenboys ihren zusammengezimmerten Sitzplatz vorm Laden wegokkupiert, und die netten Türkenboys haben uns Kaffee für je 1 Euro gebracht, auch Zucker und Milch, und sich mit keiner Silbe beschwert. Da haben wir uns, gut besonnt, unsere Lebenslagen auseinandergesetzt. Und da man das gar nicht oft genug tun kann, habe ich Esther eben angetextet, sie solle doch kommen, Spätirecherche!

          Immer wieder Limonenbier

          Und bevor Esther eintrifft, begegnet mir noch eine Hamburger Richterin, die ich Berufs halber zu kennen beliebe, und weil es so ein hinreißender Tag ist, hat die Hanseatentochter glatt vergessen, dass wir uns stets sehr förmlich begrüßen, und so lassen wir uns zwischen tätowierten Italienerinnen und Rastadänen, Studienratsfamilien aus Hameln, französischen Barfußphilosophen, glotzäugigen Berliner Trinkern und überhaupt allen, denen die Sonne scheint, im Hier und Jetzt vorm Späti nieder, der heute ein Bienenstock ist. Im Sekundentakt entern die Leute den Laden, vom Mauerpark herüberstromernd meistens, jedem geben die netten Boys, was er mag, und als wir gut durch sind, setzen Esther und ich uns in einen schattigen Hauseingang nebendran, bis einer der Boys sagt, hier, wir könnten uns doch auch eine Getränkekiste nehmen zum Sitzen.

          Wir erzählen uns die neuesten Döntjes mit frischen Überlegungen dazu, dann auch ein paar ältere Schoten, sehr lachen wir, als ich statt „lebbar“ „Lepra“ verstehe, so geht der Tag dahin, und immer mal wieder verschwinden wir Richtung Limonenbier, bis schließlich die Enden der Erzählung sich wieder treffen, ich meine Spätirecherche referiere und Esther berichtet: In ihrem Lieblingsspäti stehe an der Kasse eine freundliche vietnamesische Dame. Und wann immer man hereinkomme, singe sie gerade Karaoke. Viele warteten hier mit dem Bezahlen, bis sie ausgesungen habe, Kenner aber wüssten: Die Dame kann problemlos – „Aaaaaaah, eins dreißig, oooooh“ – singen und gleichzeitig den Wirtschaftskreislauf am Laufen halten. Ich schmeiß mich weg. „Wirklich!“ Sagt Esther. „Willst du sehen? Gehen wir hin?“ Was für eine Frage.

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