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Kino unter Corona-Regeln : Mitgeweint

Kino unter Corona-Bedingungen ist ein internationales Phänomen, hier ein Saal in Mailand. Bild: dpa

Die Kinos sind leer. Das liege nur an den Corona-Abstandsregelungen, klagen sie. Doch das stimmt nicht.

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          Der bekannteste deutsche Satz übers Kino ist mehr als hundert Jahre alt. Er findet sich in den Tagebüchern von Franz Kafka, der am 20. November 1913 notierte: „Im Kino gewesen. Geweint.“ Seitdem ist diese Stelle unzählige Male zitiert, ausgedeutet, variiert worden, doch nie traf sie die Situation so gut wie heute.

          Vor exakt vier Wochen öffneten die meisten deutschen Lichtspielhäuser in einer konzertierten Aktion nach monatelanger Zwangspause wieder, aber wer wie der Verfasser dieser Zeilen seitdem ein halbes Dutzend Mal im Kino war, wird mit Kafka weinen wollen.

          Nicht jedoch, um ins Gejammer der Kinobetreiber einzustimmen, die derzeit massiv Lobbyarbeit betreiben, um eine Lockerung der amtlichen Restriktionen bei Filmvorführungen zu erreichen – womit sie nun bei Kulturstaatsministerin Monika Grütters Gehör gefunden haben, die ausgerechnet in der „Bild“-Zeitung verkündete: „Die Corona-Abstandsregel von 1,50 Meter ist ein Problem, weil die Säle zu großen Teilen leer bleiben müssen.“

          Die Ministerin hätte sich dafür sowohl einen besseren Augenblick aussuchen können als mitten in der weltweit eskalierenden Pandemie, die Deutschland vor ganz andere Probleme stellt als leere Kinosäle, als auch ein besseres Argument.

          Denn nicht die Abstandsregeln sorgen für leere Säle, wie ein wenig Empirie zeigt. Unsere sechs Kinobesuche im letzten Monat galten den Spielfilmen „Die schönsten Jahre eines Lebens“, „Monos“, „Als wir tanzten“ und „Berlin Alexanderplatz“ sowie den Dokumentarfilmen „Ronnie Wood: Somebody Up There Likes Me“ und „Wim Wenders, Desperado“. Nur bei einem davon, ausgerechnet dem georgischen Special-Interest-Film „Als wir tanzten“, waren im Kino alle derzeit möglichen Plätze belegt – bei einer Normalkapazität von knapp neunzig Sitzen bedeutete das etwa zwei Dutzend Zuschauer, und da wir als Einzige davon spontan gekommen waren, gab es auch gar keine Interessenten, die man hätte abweisen müssen. Alle anderen fünf Filme liefen in deutlich größeren Sälen und hatten deutlich weniger Zuschauer, bis hin zu zwei Gästen in einem Saal für zweihundertfünfzig.

          Das Problem ist also gar nicht die Abstandsregel. Es ist mehr als genug Platz da für die wenigen Menschen, die überhaupt ins Kino wollen. Die niedrigen Besucherzahlen nach dem Neustart für eine Kampagne gegen die Corona-Regeln zu nutzen, ist unlauter. Erstens: Der Sommer war in Deutschland immer schon die besucherschwächste Kinozeit. Zweitens: Die Verleiher halten ihre Blockbuster zurück, die erst ein wirklich großes Publikum anziehen würden.

          Das ist nicht wegen der deutschen Restriktionen so, sondern weil international noch weitaus striktere Einschränkungen bestehen. Und drittens: Viele Filmfreunde haben Angst, derzeit ins Kino zu gehen. Eine Lockerung der Abstandsregeln würde diese Zurückhaltung eher noch verstärken. War Frau Grütters seit dem 2. Juli mal im Kino? Wenn ja, wüsste sie, wo das Problem liegt. Wenn nicht, wäre sie selbst ein Teil davon. Krokodilstränen helfen jedenfalls nicht.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

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