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Deutscher Film : Qualen nach Zahlen

Anton Spieker und Mala Emde in „303“, dem Roadmovie von Hans Weingartner, das 161.000 Zuschauer verzeichnete und mit rund 420.000 Euro gefördert wurde. Bild: Alamode Film

Das Kinojahr 2018 im Rückblick: Weniger Besucher, mehr Streamer, reichliche Fördermittel ohne entsprechende Kassenerfolge, und am Ende triumphierte der Papst.

          Es war schon lange nicht mehr so leicht, ein Populist zu sein. In der Politik sowieso, aber auch in kulturellen Dingen. Weil man doch wohl noch mal wird sagen dürfen, dass sehr viel Geld zum Beispiel aus der Filmförderung in deutsche Filme fließt, ohne dass diese deswegen besser oder erfolgreicher würden. Dem Populisten wird man allerdings kaum erklären können, dass sich in Kultur und Kunst nicht alles rechnen muss; es hilft schon eher, zur Abwechslung mal Zahlen sprechen zu lassen.

          Peter Körte

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Im Rückblick auf das Kinojahr 2018, dessen statistische Kennziffern noch nicht komplett veröffentlicht sind, fallen einem dann ein paar interessante Dinge auf. Da ist zunächst der drastische Rückgang der Besucherzahlen in deutschen Kinos. In den Jahren 2016 und 2017 wurden jeweils noch mehr als 120 Millionen Kinokarten verkauft. 2018 hingegen, dieser Trend aus dem Dezember dürfte sich nicht mehr verändert haben, werden es vermutlich kaum mehr als 100 Millionen sein.

          Nicht die Streamer sind schuld

          Das trifft vor allem die Kinobesitzer, wenn der erfolgreichste Film des Jahres, „Avengers: Infinity War“, gerade mal 3,39 Millionen Besucher anzieht, obwohl er weltweit mehr als zwei Milliarden Dollar erlöst hat. Nur zum Vergleich: Selbst der letzte Film aus der „Fack ju Göhte“-Trilogie schaffte noch mehr als sechs Millionen Zuschauer. Dass 2018 nur ein deutscher Film unter den ersten Zehn war, „Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer“, ist nicht verwunderlich, wenn sogar die großen Entertainment-Maschinen schwächeln.

          Woran es liegt, das ist schon schwerer zu enträtseln. Jedenfalls nicht, wie viele Schlauberger orakeln, an Netflix oder anderen Video on Demand-Anbietern. Eine Studie der Filmförderungsanstalt vom Mai 2018 belegt, dass 55 Prozent aller Streaming-Nutzer auch ins Kino gehen und nur zehn Prozent „reine Streamer“ sind. Die Statistik bietet also kaum Aufschluss über Ursachen des Besucherschwunds, der wohl eher mit der schrumpfenden Vielfalt des Angebots zu tun hat, mit dem Superhelden-Overkill.

          Eine Szene aus Ed Herzogs Film „Sauerkrautkoma“, der knapp 1,2 Millionen Euro Förderung erhielt und von 1,01 Millionen Zuschuern gesehen wurde - eine gute Quote.

          Wirklich überraschend sind die Zahlen, die das Verhältnis von Fördergeldern und Kinobesuch dokumentieren. Da wird auf einmal Wim Wenders’ „Papst Franziskus“ zum erfolgreichsten Film des Jahres, der 400.000 Euro Förderung erhielt und von 488.000 Zuschauern gesehen wurde, was einem Quotienten von 0,82 entspricht (alle hier aufgeführten Zahlen sind ungefähre Werte!).

          Auch der Dokumentation über die Band Feine Sahne Fischfilet, „Wildes Herz“, reichten rund 60.000 Zuschauer für einen Quotienten von 2,2. „Sauerkrautkoma“ und „Der Vorname“, von vornherein auf ein breites Publikum ausgelegt, hatten bei mehr als einer Million Zuschauern Quotienten von 1,18 beziehungsweise 1,57. Und Hans Weingartners Roadmovie „303“ erzeilte mit 161.000 Zuschauern noch einen Quotienten von 2,61. „Jim Knopf“ dagegen hatte zwar 1,8 Millionen Besucher, aber bei mehr als zehn Millionen Euro Förderung nur einen Quotienten von 5,62.

          Groteske Fehlkalkulationen

          Auffällig ist, dass ein Film mit großem Kunstwillen wie „Werk ohne Autor“ zwar fast 5,4 Millionen Euro Förderung erhielt, auf Grund schwacher Zuschauerzahlen (220.000) aber nur einen Quotienten von 24,48 hatte. Vollends grotesk werden die Fehlkalkulationen bei Filmen wie „Drei Zinnen“ (Quotient 103,38 bei immerhin 1,1 Millionen Euro Förderung) und bei dem Actionfilm „Renegades – Mission of Honor“, in den 5,6 Millionen Euro flossen, was bei 17.000 Zuschauern einen Quotienten von 329,3 ergab. Weniger überraschend, dass Produktionen wie Ulrich Köhlers „In my Room“ und Philip Grönings „Mein Bruder heißt Robert und ist ein Idiot“, bei denen niemand einen kommerziellen Erfolg erwartet hatte, mit Quotienten von 257,6 und 197,6 abschnitten.

          Was man aus diesen Resultaten schließen kann? In erster Linie, dass offenbar in den Fördergremien Leute sitzen, die glauben wollen, was Produzenten ihnen erzählen, angebliches kommerzielles Potential beim Nennwert nehmen und übersehen, dass da zum Beispiel ein Drehbuch vorliegt, das solche Ambitionen bei genauerer Betrachtung als Hirngespinste erweisen würde. Was leider dauernd vorkommt und nichts mit einer Haltung zu tun hat, die von der künstlerischen Qualität eines Projekts überzeugt ist und es genau deshalb subventioniert – auch wenn die kommerziellen Aussichten limitiert sind.

          Dass die kulturelle Förderung fast überall ersetzt wurde durch wirtschaftliche Förderung, war nie mehr als eine Absichtserklärung. Denn für mehr Erfolg und Wirtschaftlichkeit haben weder erhöhte Fördersummen noch neue Kriterien gesorgt. In anderen Branchen würden solche notorischen Fehleinschätzungen, für die man hinterher dann gern das launische Publikum verantwortlich macht, dazu führen, dass Leute von ihren Aufgaben entbunden werden. Aber die deutsche Filmbranche (wenngleich nicht nur sie) ist halt ein bisschen anders als die anderen.

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