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Zum Tode von Hans Abich : Sie sind 'n guter Mensch

Hans Abich, 1918 - 2003 Bild: dpa/dpaweb

Wir Wunderkinder sind doch voller Widersprüche: Hans Abich, der Grandseigneur des deutschen Fernsehens und einer der Väter des deutschen Nachkriegsfilms, ist tot.

          3 Min.

          Es ist diese souveräne Ironie vor allen Dingen gewesen, die jede Begegnung mit ihm zu einem Vergnügen machte. Er selbst beteuerte stets, er werde nie ein Buch über sein Leben schreiben - er könne nichts erzählen, es seien alles lauter Widersprüche. Und wer ihn erzählen hörte, etwa über seine Begegnungen mit den Manns anläßlich seines Mitwirkens an Heinrich Breloers Epos' über die Dichterfamilie, der kam nicht umhin zu glauben, daß ein Buch ja auch nicht ausreiche für all die Geschichten aus dem Leben des Hans Abich, dem großen alten Mann des deutschen Fernsehens.

          Sandra Kegel

          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton.

          Wie abenteuerlich klang es, als er vor knapp zwei Jahren in Baden-Baden erzählte, wie es ihm als jungem Produzenten Anfang der fünfziger Jahre erging, der beschlossen hatte, die Stoffe Thomas Manns ins Kino zu übersetzen: "Eine schwierige Familie", erinnerte sich der damals Dreiundachtzigjährige, "besonders in finanziellen Belangen". Doch wollte der Dichter auch inhaltlich mitreden und hatte sich für die erste Verfilmung "Königliche Hoheit" das Recht vorbehalten, seinen Namen gegebenenfalls zurückzuziehen. Als er jedoch das Drehbuch schließlich in Händen hielt, telegrafierte Thomas Mann, daß er sich außerstande fühle, ein solches Elaborat zu beurteilen. Jetzt könne nur noch seine Tochter helfen. Abich traf Katja 1952 in der noblen Zürcher "Kronenhalle" - und fürchtete um seinen Film, eilte ihr doch der Ruf voraus, "schwierig" zu sein. Am Ende arbeitete sie nicht nur am Drehbuch mit, Erika übernahm sogar eine Rolle in Abichs Film.

          Ein neuer deutscher Film

          Eigentlich strebte der am 4. August 1918 in der Oberlausitz geborene Sohn eines Landwirts nach dem Studium der Rechts- und Auslandswissenschaften in Berlin eine juristische Laufbahn an und trat 1944 in den juristischen Vorbereitungsdienst ein. Da schlug ihm sein Studienfreund Rolf Thieme im Juni 1945 vor, gemeinsam Filme zu produzieren. "Unser Thema war: ein neuer deutscher Film. Den wollten wir bringen. Wir glaubten nicht, daß es Bücher geben würde so bald, und da die Amis alle filmverrückt waren, dachten wir, Film, das wäre was", beschrieb er bei Gelegenheit diesen Moment. Wie eine "eigene" Filmsprache aussehen könnte, darüber hatten sich die beiden Laien bis dahin keine Gedanken gemacht - sie wußten nur, daß sie sich vom "Glanz" der NS-Filme unterscheiden wollten. Mit der Unterstützung Adolf Grimmes, damals Kulturkommissar in Hannover, sowie eines 900.000-Mark-Kredits gründeten sie die Filmaufbau GmbH in Göttingen. Als Produzent begründete Abich hernach seinen Ruf, einer der Väter des deutschen Nachkriegsfilms zu sein, der bei rund dreißig Filmen, darunter "Liebe 47", "Die Nachtwache" und "Wir Wunderkinder" sowie bei den Thomas-Mann-Verfilmungen "Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull", "Die Buddenbrooks" und "Tonio Kröger" die Verantwortung trug.

          Die Vita von Hans Abich ist mit "ehemaligen Posten" nur so gespickt. 1960 wechselt er die Seiten und geht zum Fernsehen, wo er zunächst Berater von Radio Bremen wird, 1961 dann Programmdirektor und 1968 Intendant. Von 1973 bis 1978 ist er Programmdirektor der ARD. Dort handelt er in treuem Glauben nach dem Credo "Im Zweifel für Experimente", was ihm nicht nur Freunde beschert. Im Laufe seines Lebens hat Abich, der wichtige medienkritische Medienaufsätze verfaßte wie "Der Fall Lorenz - Das Fernsehen in der Rolle des genötigten Nothelfers", nicht nur viele Auszeichnungen wie das Deutsche Filmband in Gold, den Adolf-Grimme- sowie den Robert-Geissendörfer-Preis erhalten, sondern auch zahlreiche noble Beinamen: den "Voltaire der ARD" nannten ihn manche, andere haben ihn schlicht und ergreifend für das Gewissen unseres Fernsehens gehalten. Er hat auf diese Ehrentitel nie etwas gegeben. Aber wo immer Hans Abich seine Stimmer erhob, wann immer er auftrat, war er, ob ihm dies nun recht war oder nicht, moralische Instanz.

          "Und was machen wir, wenn er rausgeht?", hatte Abich seinen Regisseur Harald Braun gefragt, auf dem Weg nach Zürich zur Vorführung der "Königlichen Hoheit" im engsten Familienkreis. Den beiden jungen Männern sollte das Blut gefrieren. Der Dichter verließ tatsächlich nach einer Weile wortlos den Raum, Doch er kam wieder, mit einem Mantel, weil es ihm kalt geworden war. Und las seinen Namen auf dem Abspann. Auch Günter Gaus hat einmal den Versuch unternommen, das Leben von Hans Abich, eines Mannes der ersten Stunde, begreiflich zu machen. Keine leichte Aufgabe, die richtige Frage zu finden. Prompt entfuhr dem gefürchteten Interviewer der Satz: "Sie sind 'n guter Mensch, Herr Abich." Gestern ist Hans Abich im Alter von fünfundachtzig Jahren in Freiburg gestorben.

          Hans Abich war hellwach und liebenswert bis zuletzt. Ich sehe uns noch da sitzen, zurückgelehnt im Stuhl, die Hände hinter dem Kopf, und räsonieren: Was machen wir? Was machen die anderen? Wie steht es um unser Metier? Die Pflichtpunkte der Tagesordnung waren schnell abgehakt, es wurde konkret gesprochen, knapp in der Sache, präzise in der Form und mit Witz. Danach haben wir philosophiert über Gott und die Welt unter besonderer Berücksichtigung des Spielfilms. Hans Abich war ein Mann, der sich das leisten konnte. Ich habe diesen Mann geliebt.

          Peter Schulze-Rohr, Regisseur, ehemaliger Fernsehspielchef des Südwestfunks.



          In seiner Gegenwart wurden alle und alles augenblicklich besser: Ein großer Verzauberer und ein wahrhaftig Wirksamer. Einzigartig.

          Hans Janke, Fernsehspielchef des ZDF.

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