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Komponist Morricone gestorben : Das Kino spielte seine Melodie

Dass er alles konnte, war sein einziges Handicap: der Filmkomponist Ennio Morricone Bild: AFP

Er brachte Töne auf die Leinwand, die man dort nie zuvor gehört hatte, und schrieb einige der schönsten Kino-Soundtracks unserer Zeit. Jetzt ist Ennio Morricone mit einundneunzig Jahren in Rom gestorben.

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          In den ersten acht Minuten von Sergio Leones Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ von 1968 hört man keinen Hauch Musik. Drei Reiter kommen an einen Bahnhof im Wilden Westen, binden ihre Pferde an und warten. Ein Windrad quietscht. Ein Hund jault. Eine Fliege summt. Eine Wasserleitung tropft. Einer der Reiter lässt seine Fingergelenke knacken. Dann nähert sich ein Zug. Die Lokomotive pfeift, die Bremsen kreischen, die Wagen halten, der Zug fährt wieder an. Stille. Die drei Männer wenden sich zum Gehen. Da weht von irgendwoher der Klang einer Mundharmonika heran, drei Töne, eine kleine ab- und wieder aufsteigende Sekunde wie ein Aus- und Einatmen. Der Mann, der die Mundharmonika zwischen den Zähnen hält, steht hinter den Gleisen. „Sieht aus, als hätten wir ein Pferd zu wenig dabei“, ruft ihm einer der Reiter zu. „Ihr habt zwei zu viel“, entgegnet der Fremde.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Nach diesen drei Tönen war die Welt der Filmkomposition nicht mehr dieselbe, so wie sie schon nach Bernard Herrmanns Streicher-Glissandi für Alfred Hitchcocks „Psycho“ sieben Jahre eine andere geworden war. Aber Herrmann hatte noch im klassischen Sinn Orchestermusik für die Leinwand komponiert. Ennio Morricone dagegen, der das Mundharmonika-Motiv für Sergio Leones Italowestern erfand, schrieb die Tonfolge direkt in die Handlung ein. Sie wurde reines Kino. Er habe nach einem Thema für einen schlechten Musiker gesucht, sagte Morricone später. Es wurde das Filmmusikthema schlechthin. Seither kann niemand mehr die drei klagenden Töne hören, ohne an Charles Bronson Mundharmonika zu denken und an die giftig schillernde Welt, die Leone um sie herum aufgebaut hat.

          Ennio Morricone, geboren 1928 in Rom und aufgewachsen in der großen Zeit des italienischen Kinos, hat noch viele Filmmusiken komponiert, die aus dem süßen Brei der Soundtracks herausragen – die Oboenklänge in Roland Joffés „Mission“, für die er zu Unrecht keinen Oscar bekam, die verschlungenen spätromantischen Melodieketten für Giuseppe Tornatores „Cinema Paradiso“, das hinreißende, auf einem verstimmten Klavier angespielte „Poverty“ aus Leones letztem Film „Es war einmal in Amerika“, das wie durch einen Zauberspruch die Welt von Little Italy zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts beschwört. Dennoch bleiben die sechziger Jahre die Zeit, in der er mit seiner Arbeit Epoche gemacht hat.

          Den Trubel hat er nie genossen: Ennio Morricone in seiner Wohnung in der Altstadt von Rom im Jahr 1987. Bilderstrecke

          Damals geriet das Kino in jene Existenzkrise, in der es genau genommen immer noch steckt, und damals wurden jene ästhetischen Kräfte freigesetzt, die es trotz aller Rückschläge bis heute voranbringen. Eine dieser Kräfte war die musikalische Phantasie Ennio Morricones. Als er 1964 seinen Klassenkameraden Sergio Leone wiedertraf, der gerade seinen Film „Für eine Handvoll Dollar“ vorbereitete, hatte er eine mäßig erfolgreiche Laufbahn als Jazzmusiker, Songschreiber und Arrangeur und eine kurze, aber heftige Karriere als Filmkomponist (etwa für Lina Wertmüllers Kinodebüt „Die Basilisken“) hinter sich. Aber für Leone, der den Western neu erfinden wollte, machte er etwas anderes. Er schrieb eine Musik, die sich atmosphärisch mit den Elementen der Handlung vollsog: Stöhnen, Fluchen, Peitschenknallen, Pferdegetrappel, Glockenläuten, Pistolenschüsse. Leone wiederum setzte Morricones Kompositionen zur Rhythmisierung seiner Bilder ein: Wenn es sein musste, verlängerte er eine Szene, damit sie zur Musik passte.

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