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Zum Tod von Youssef Chahine : Zwischen Saladin, Nasser und Bonaparte

Das Kino des Ägypters Youssef Chahine, der im Alter von 82 Jahren gestorben ist, umspannt die Erfahrungen eines ganzen Jahrhunderts. Mit seinem Tod verstummt eine Stimme der arabischen Welt, die für die Freiheit des Denkens und gegen die Mächte des Aberglaubens gekämpft hatte.

          Der Film „al-Massir“ (Das Schicksal) beginnt mit Bilder einer öffentlichen Verbrennung. Drei christliche Häretiker – wir sind im zwölften Jahrhundert – stehen in einer südfranzösischen Stadt auf dem Scheiterhaufen, ringsum eine gaffende Menge. Das Feuer erstickt die Schreie der Sterbenden, zuletzt sieht man ihre verkohlten Leichname an den Pfählen hängen. Die nächste Einstellung führt ins islamische Córdoba. Ibn Rushd, der Philosoph, den die Christen Averroës nennen, sitzt im Kreis seiner Familie. Seine Kinder helfen ihm bei seinen Studien, während der Kalif Al-Mansur seine schützende Hand über ihn hält und ihn zum obersten Richter macht. Doch religiöse Fanatiker hetzen gegen den Philosophen; schließlich sorgen sie dafür, dass Ibn Rushd ins marokkanische Exil gehen muss. Nur in seinen Studenten lebt sein freiheitlicher Geist noch einige Zeit weiter.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          „Al-Massir“, 1997 gedreht, ist in seiner formelhaften Bildersprache, der Statuarik der Schauspieler und der Feierlichkeit der Dialoge ein für Youssef Chahine untypischer Film. Dennoch war es der erste Spielfilm Chahines, der – durch den Enthusiasmus eines Freiburger Kleinverleihs – je in die deutschen Kinos kam; von den dreißig Filmen, die der ägyptische Regisseur zuvor seit 1950 gedreht hatte, war nur ein kleiner Teil im Fernsehen gelaufen. Im Nachhinein gesehen hat es gleichwohl seine Richtigkeit, dass Chahine bei uns durch „al-Massir“ entdeckt wurde. Denn dieser Film ist mehr als ein Geschichtsbilderbogen: Er ist ein verschlüsseltes Porträt seines Regisseurs.

          Kosmopolitische Geistigkeit

          Auch Youssef Chahine ist in einem Land großgeworden, dessen Machthaber ihn lange Zeit schützten; auch er hat das Wirken der Zensur und den Wahnsinn der Intoleranz kennengelernt, auch er ist aus seiner Heimat emigriert (allerdings nur für kurze Zeit), auch in ihm verbinden sich kosmopolitische Geistigkeit und panarabischer Patriotismus. Wie Ibn Rushd war auch Chahine das Symbol eines Jahrhunderts, in dem die Freiheit des Denkens mit den Mächten des Aberglaubens in Fehde lag. Chahine selbst sprach von einer „schwarzen Wolke“, die von den Golfstaaten herüberziehe, um die alte Sinnenfreude des ägyptischen Volkes zu zerstören.

          Geistiger Kosmopolit: Youssef Chahine

          Dessen Nationalcharakter drückte sich auch in seinen Filmen aus, in denen Dialogszenen und Musiknummern, Geflüster und Gebrüll, Rührseligkeit und Intrige, homo- und heterosexuelle Liebe einander in rascher Folge abwechseln. Mit seinem Tod verstummt eine große Stimme der arabischen Welt, ein Künstler, dessen Kino eine Brücke zwischen den Erfahrungen der Kolonialzeit und den neuen Gefahren des einundzwanzigsten Jahrhunderts bildet.

          Von Alexandria aus

          Chahine, 1926 als Sohn eines maronitischen Christen und einer Griechin geboren, wuchs in der Stadt auf, in der die Vielvölkerwelt des östlichen Mittelmeers noch bis zum Zweiten Weltkrieg blühte: Alexandria. Seine autobiographische Filmtrilogie, die 1978 mit „Alexandria . . . warum?“ begann, erzählt die Geschichte dieser Welt von ihrem Ende her. Chahines Alter ego, ein junger Schauspieler, schlägt sich im Kriegsjahr 1942 zwischen britischen Soldaten, Nazi-Sympathisanten, Saboteuren und Kollaborateuren durch, verliebt sich und träumt von einem besseren Leben in Amerika. Aber die Freiheitsstatue ist nur eine Schmierenschauspielerin, ihr Glücksversprechen eine Illusion.

          Etwas Ähnliches muss auch Chahine erlebt haben, der 1948 mit einem Schauspieldiplom aus Kalifornien zurückkehrte, denn seine ersten Filme haben nichts von Hollywood, sie sind Melodramen, Komödien und Musicals aus dem Geist des Neorealismus und des levantinischen Theaters. Für „Tödliche Rache“ (1954) entdeckte er den jungen Omar Sharif, mit „Bahnhof Cairo“ (1958) wurde er in Europa bekannt, und mit dem Kostümspektakel „Sultan Saladin“ (1963) drehte er den teuersten ägyptischen Film aller Zeiten.

          Ärger mit der Zensur

          Im Jahr 1968 ließ sich Chahine von Nassers Regime für das Propagandaprojekt „Menschen am Nil“ einspannen, das den Bau des Assuan-Staudamms feiern sollte. Aber die erste Fassung fiel bei den sowjetischen Finanziers durch, und auch Chahines folgende Filme bekamen immer wieder Ärger mit der Zensur. Waren es in den siebziger Jahren noch politische Gründe, so sah sich der Regisseur später immer öfter mit Anklagen wegen Verletzung religiöser und sittlicher Gefühle konfrontiert. Sein Epos „Der Emigrant“, in dem er die biblische Josephsgeschichte verfremdete, war vier Monate lang verboten, sein Kostümdrama „Adieu Bonaparte“ wurde als vaterlandsverräterisch geschmäht. In vielen arabischen Ländern stehen Chahines Filme bis heute auf dem Index.

          Chahines Kino war politisch nicht durch seinen Inhalt, sondern durch die Freiheit seines Blicks. Wie alle großen Kinoerzähler suchte auch er vor allem nach dem richtigen Bild: „Manchmal, wenn ich in die Wüste gehe, ungefähr um elf, sehe ich nichts. Alles ist weiß . . . Also setze ich mich hin und warte. Auf einmal sagt eine Düne zu mir: ,Schau, wie schön ich bin!‘ Und ich beginne zu drehen.“

          Am Sonntag ist Youssef Chahine in Kairo im Alter von zweiundachtzig Jahren gestorben.Andreas Kilb

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