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Zum Tod von Richard Attenborough : Ein Großonkel für alle

Monumente der Kinogeschichte: Richard Attenborough und Ben Kingsley bei den Dreharbeiten zu „Gandhi“ (1982). Der Film gewann acht Oscars. Bild: Kobal / images.de

Er hatte das Kino mit all seinen monumentalen Mitteln genutzt, um der Geschichte, in der England seine Weltmacht einbüßte, ein Denkmal zu setzen. Dafür lieben ihn vor allem und mit aller Kraft die Engländer. Zum Tod von Richard Attenborough.

          Wenn Ritter und Barone, Lords, Premierminister und Kollegen einstimmig klagen: „Wir werden ihn vermissen“, dann muss ein wahrhaft Großer gestorben sein. Sir Richard Attenborough war ein Großer. Ein großer Engländer zuerst, ein Mann mit einem riesigen Herzen, ein Mann, der die Institutionen des Empires, das zu seinen Lebzeiten untergegangen war, in ihrem Glanz erhalten wollte – BAFTA, die British Academy of Film and Television Arts (und damit das Pendant zur amerikanischen Academy) ebenso wie die BBC, das British Film Institute, die Labour Party und den FC Chelsea.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Für all diese Vereine, Akademien und Anstalten war er zu irgendeiner Zeit Präsident, Direktor, Mitglied oder mindestens geschätzter Berater. Als engagierter Wohltäter wurde er geliebt. Ein toller Schauspieler war er auch. Und ein Regisseur, der mit „Gandhi“ ein Epos von wahrhaft commonwealthhafter Dimension geschaffen hat. Ein britisches Monument. Er wurde neunzig Jahre alt. In seinem Leben, seinem Werk passte alles zusammen.

          Eine britische Legende

          Er überlebte als Pilot der Royal Air Force den Krieg, da war er ein sehr junger Mann, neunzehn erst, als er 1942 als Soldat in den Zweiten Weltkrieg eingezogen wurde. Seine Schauspielrollen in Filmen wie „Brighton Rock“, in dem er 1947 einen jugendlichen Mörder gab, über „The League of Gentlemen“ und „The Great Escape“ zu „Doctor Dolittle“ zeigten ihn als Darsteller ohne Rollenklischee, der sich im Kreis von anderen Stars behaupten konnte. Er hatte seinen ersten Film als Regisseur noch gar nicht gedreht und seinen berühmtesten als Schauspieler auch noch nicht, da wurde er, wir sind im Jahr 1976, für seine Leistungen vor der Kamera von der Königin bereits zum Ritter geschlagen.

          Vermutlich erinnern sich nicht mehr viele Menschen lebhaft an diese Filme, die nach dem Krieg und vor Attenboroughs berühmtestem Werk „Gandhi“ entstanden. Sie alle haben längst Ableger bekommen, als Remakes, Fernsehserien oder Videospiele – wie „Gesprengte Ketten“, der Kriegsgefangenenausbruchsfilm „The Great Escape“, der unter diesem Titel das deutsche Publikum nicht nur mit Attenborough, sondern auch mit Steve McQueen, James Coburn und Charles Bronson vertraut machte.

          Aber der britische Film Noir „Brighton Rock“ nach einem Roman von Graham Greene, der auch das Drehbuch geschrieben hat, ist einen zweiten, einen dritten Blick wert. Attenborough hat nicht häufig Männer von derart bösartiger Grausamkeit und Gequältheit gespielt wie den jungen Pinkie Brown in diesem Film von John Boulting.

          Als er begann, Regie zu führen und auch zu produzieren, verabschiedete er sich langsam von der Schauspielerei, aber Steven Spielberg gelang es 1993, ihn noch einmal vor die Kamera zu locken. Eine ganze Generation von Kinozuschauern hat Attenborough daher erst als Siebzigjährigen kennengelernt, in der Rolle des Multimilliardärs und Dinoparkbesitzers in „Jurassic Park“ – staunend über sein eigenes Werk, über die zum Leben erwachten Dinosaurier, mit Überblick in den meisten brenzligen Situationen, rührend fürsorglich zu seinen Enkeln und immer voll in der Verantwortung, ein gütiger Großonkel für alle, die einen gütigen Großonkel brauchen. Für alle also.


          Ausschnitt aus "Jurassic Park" ©Movieclips

          Als Regisseur drehte Attenborough nur zwölf Filme, von denen „Gandhi“ und „Cry Freedom“ die wichtigsten sind, beides Filme über große Männer, die sich der Kolonialherrschaft Englands entgegenstellten, der eine in Indien, der andere, Nelson Mandela, in Südafrika. Attenborough benutzte das Kino mit all seinen damals noch analogen Mitteln, mit Komparsenmassen, großen Sets, grandiosen Schauplätzen und naturalistischer Erzählgewalt, um der Geschichte, in der England seine Weltmacht einbüßte, ein Denkmal zu setzen. Und dafür lieben ihn vor allem und mit aller Kraft die Engländer.

          Und die, mit denen er gearbeitet hat. Ben Kingsley, inzwischen selbst zum Ritter geschlagen, wurde als Gandhi ein internationaler Star und im Film der Mann für große Männer, er spielte später Lenin, Schindlers Sekretär und Simon Wiesenthal. Kingsley war auch einer der Ersten, die im Netz der Trauer über den Tod von Sir Richard Attenborough Ausdruck gaben. Der umfassend verehrte große Brite, geboren am 29. August 1923 in Cambridge, starb am 24.August. Seine Frau Sheila Sim, mit der er seit 1945 verheiratet war und für deren Pflege er sich vor einigen Jahren aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, hat ihn überlebt.

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