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Nachruf auf Wolfgang Petersen : Das Handwerk des Heldentums

Das Handwerk des Kinos war sein Element: Wolfgang Petersen bei den Dreharbeiten zu seinem Film „Poseidon“ von 2006 Bild: Picture Alliance

Mit Vorliebe erzählte er im Kino von Männern, die ihr Metier beherrschen und sich in höchster Gefahr bewähren: Zum Tod des großen deutschen Filmregisseurs Wolfgang Petersen.

          3 Min.

          Gute Leute müsse man eben haben – „gute Leute!“ Das murmelt der Kommandant von U 96 in „Das Boot“, als sein Tauchgefährt nach sechzehn bang auf dem Meeresgrund verbrachten Stunden langsam wieder zur Oberfläche aufsteigt, und es könnte auch das Motto sein, nach dem Wolfgang Petersen fast fünfzig Jahre lang Filme gedreht hat.

          Andreas Kilb
          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Denn Petersen war immer von Leuten umgeben, die ihr Handwerk verstanden: von den Ka­me­ra­männern Jost Vacano, Michael Ballhaus und John Seale, dem Bühnenbildner Rolf Zehetbauer und seinen Kollegen aus den Hollywoodstudios Warner, Columbia und 20th Century Fox und nicht zuletzt von der Crème der amerikanischen Filmschauspieler – Dustin Hoffman, Clint Eastwood, John Malkovich, Harrison Ford, Do­nald Sutherland, George Clooney, Brad Pitt, Mark Wahlberg und vielen anderen. Er war ein Könner, der andere dazu brachte, die Spitze ihres Könnens zu zeigen, und damit der denkbar beste Regisseur für ein Kino, das sich nicht als Vehikel für Botschaften und Befindlichkeiten, sondern als Unterhaltungsmedium versteht.

          Diese Leidenschaft für das Handwerkliche des Kinos ist auch das Erfolgsgeheimnis des „Boots“, der bis dahin, also bis 1981, teuersten deutschen Filmproduktion. Die Geschichte der Atlantikfahrt von U 96 war auch eine Parabel auf die deutsche „Volksgemeinschaft“ im Krieg, aber das sah man ihr an der Oberfläche der Erzählung nicht an. Dort ging es um Männer, die ebenso wie die Männer hinter der Kamera ihrer Aufgabe nachgingen: Funker, Offiziere, Richtschützen, Maschinisten, al­le von dem Willen be­seelt, ihre Mission so gut wie möglich zu erfüllen. Aber gerade diese Un­tiefe machte „Das Boot“ zum perfekten Kriegsspektakel der späten Mauerjahre, zum fiktiven Erfahrungsraum, in dem sich die Ge­ne­ra­tio­nen der Weltkriegsveteranen und ihrer Enkel begegnen konnten. Die Formel funktioniert immer noch: Gerade ist die dritte Staffel der aus Lothar-Günther Buchheims Romanvorlage herausgesponnenen Streaming-Serie auf den Markt ge­kommen. Die Tauchfahrt geht weiter.

          Alles begann im deutschen Fernsehen: Szene aus „Die Reifeprüfung“ von 1977 Bilderstrecke
          Das Kino des Wolfgang Petersen : Vom „Tatort“ bis nach Troja: Bilder aus seinen Filmen

          Der Mann, der den ersten deutschen Blockbuster seit den Fünfzigerjahren ge­dreht hat, kam aus der Mitte des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, aus dem Milieu der „Tatort“-Serie und der Mehrteiler im Hauptabendprogramm. Wolfgang Petersen, in Emden und Hamburg als Sohn eines Marineoffiziers aufgewachsen, hatte sein Metier erst am Theater, dann an der Deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin gelernt und mit Regieassistenzen beim NDR angefangen. 1971 drehte er seinen ersten „Tatort“ mit Klaus Schwarzkopf als Kommissar Finke, und fortan bildeten die beiden ein Team. Für die letzte gemeinsame Arbeit „Reifezeugnis“ von 1977 entdeckte Petersen die junge Nastassja Kinski. Die Story um die Liebschaft eines Gymnasiallehrers mit einer Schülerin stammte von Herbert Lichtenfeld, aber ihre Machart war reinster Petersen, sparsam, präzise, ef­fizient. In der Liste der erfolgreichsten „Tat­ort“-Folgen steht „Reifezeugnis“ auf Platz zwei; auch heute noch kann man ihn ansehen, ohne dass er angestaubt wirkt.

          Nach dem internationalen Erfolg des „Boots“ wollte Petersen dorthin, wohin ihn seine Liebe zum Genrekino von Anfang an gezogen hatte, nach Hollywood. Aber zu­vor musste er für Bernd Ei­chin­ger die „Unendliche Geschichte“ adaptieren, und auch sein nächstes Projekt, die Science-Fiction-Fabel „Enemy Mine“, war eine Auftragsarbeit. Als er mit „Tod im Spiegel“ endlich ein eigenes Drehbuch verfilmen durfte, wirkte seine Hommage an den klassischen Film noir steif und schwerfällig.

          Eine Kette von Kassenerfolgen

          Petersens Glückssträhne begann mit „In the Line of Fire“, für den ihn Clint Eastwood als Re­gis­seur holte. Die Figur des beim Kennedy-Attentat traumatisierten Secret-Service-Agenten, der im zweiten Anlauf zum Helden wird, ließ in Eastwoods Zü­gen eine ungewohnte Verletzlichkeit aufblitzen, und der Showdown mit John Malkovich im Aufzug brachte Petersens im „Boot“ bewiesenes Talent zur In­sze­nie­rung auf engem Raum abermals zur Geltung.

          Von da an jagte ein Kassenerfolg den an­deren: der Pandemie-Schocker „Out­­break“, der patriotische Flugzeugentführungs-Thriller „Air Force One“, das Küstenfischerdrama „Der Sturm“, schließlich die 200-Millionen-Dollar-Produktion „Troja“. Die Verfilmung von Homers Ilias war der Wendepunkt in Petersens amerikanischer Karriere. Obwohl „Troja“ fast eine halbe Milliarde Dollar einspielte, blieb der Film hinter den Erwartungen der Produzenten zurück, und nachdem sein nächstes Projekt, das Schiffsuntergangs-Remake „Poseidon“, kommerziell auf Grund gelaufen war, wurde der Re­gisseur in der Stadt seiner Träume ar­beits­los. Noch einmal kehrte er nach Deutschland zurück, um seine frühe Fernsehgaunerkomödie „Vier ge­gen die Bank“ fürs Kino neu einzurichten, aber das Publikum erkannte seine Handschrift nicht wieder.

          Vielleicht hat es diese Handschrift auch nie gegeben. Eher müsste man von ei­ner Vorliebe für bestimmte Stoffe und Fi­gu­ren reden, für Männer mit verborgenen Schwächen, Helden mit Achillesfersen, Al­ler­welts­typen, die in Todesgefahr ihre Stärken entdecken. Petersen, der die Drehbücher seiner Filme selten selbst schrieb, suchte sich Geschichten aus, in denen sich solche Typen bewähren mussten, und er betrachtete sie dabei mit einem Blick, in dem sich professioneller Respekt und erzählerische Zuneigung verbanden. Der Handwerker des Kinos liebte all jene, die ihr Metier beherrschen, seien es „Tatort“-Kommissare, U-Boot-Fahrer, die Fischer im Westatlantik oder die Schwertkämpfer vor Troja. Ein halbes Jahrhundert lang war er eine verlässliche Erzählerstimme im Reich des Films. Am vergangenen Freitag, dem Tag, an dem Wolfgang Petersen einundachtzigjährig im kalifornischen Brentwood gestorben ist, ist sie verstummt.

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