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Zum Tod von Mike Nichols : Der Mann, der die „Reifeprüfung“ ablegte

Das Bild von Lust und Angst einer Generation: „Die Reifeprüfung“ von Mike Nichols

Ob es sein bester Film ist, woran soll sich das entscheiden? Besser als „Silkwood“, sein Gewerkschaftsdrama von 1986, das auch eine Geschichte von Freundschaften war, ernsthaft, mit einer wundervollen Meryl Streep und einer verstörenden Cher in den wichtigsten Rollen? Besser als „Der Krieg des Charlie Wilson“, sein letzter Film von 2007, in dem Julia Roberts eine grelle Texas-Milliardärin spielt, die alle Mächtigen des Landes kauft, die sie sich leisten kann? Wichtiger als eine Rangfolge ist doch dies: dass Mike Nichols in fast jedem Jahrzehnt seiner Laufbahn einen Film gedreht hat, der aus diesen zehn Jahren herausragt.

„Die Reifeprüfung“ war da nur der Anfang und Nichols ganz ein Regisseur der Sechziger – er verbeugte sich tief vor den europäischen Autorenfilmern und orchestrierte seine Verneigung mit lustigen visuellen Einfällen, die einen eigenen Stil behaupteten (den er später einfach fallenließ). Trotzdem verlor er den Mainstream nicht aus den Augen. Was dann folgte, formt sich nicht zu einem geschlossenen Werk, sondern reiht sich aneinander, als würden an die Lokomotive der frühen Erfolge immer neue Waggons angehängt, sei es für Sperrgüter wie „Catch 22“, die Joseph-Heller-Verfilmung, die 1970 völlig durchfiel, oder für grelle Gesellschaftssatiren wie „Working Girl“ von 1988, in der das Stimmchen von Melanie Griffith einigen Schaden anrichtet. Er durchschaute die Prinzipien von Machtgewinn und Machterhalt in Washington und drehte darüber eine der scharfsinnigsten politischen Satiren über die Clinton-Jahre („Primary Colors“ von 1998 mit John Travolta als bis in den Händedruck hinein perfekt verkörperten Bill Clinton). „Der Krieg des Charlie Wilson“ bestätigte zum Abschluss seinen politischen Durchblick ebenso wie seinen satirischen Blick ins Geschäft mit Öl, Waffen und Einfluss zu Hause.

Eine Messlatte für Filmsatiren

„Die Reifeprüfung“ aber ist der Film, über den die meisten Anekdoten erzählt werden, und fast alle betreffen die Besetzung. Nichols wollte für die Rolle der Mrs.Robinson, in der Anne Bancroft unsterblich wurde, ursprünglich Jeanne Moreau, weil er Truffaut verehrte. Dann Doris Day, die gegen ihr Image spielen sollte, was sie ablehnte, und schließlich Patricia Neal, die aber einige Schlaganfälle hinter sich hatte. Ava Gardner brachte sich ihrerseits ins Gespräch, aber sie wiederum hielt Nichols für keine gute Idee. Ähnlich ging es mit Dustin Hoffman, dessen Rolle Robert Redford spielen sollte, bis Nichols merkte, dass Redford einfach zu gut aussah für jemanden, dessen Erfahrung bei Frauen vor allem aus Zurückweisungen besteht.

Geboren wurde Mike Nichols am 6.November 1931 in Berlin als Sohn des Ehepaars Brigitte und Paul Peschkowsky. Die Familie floh 1938 vor den Nationalsozialisten nach New York, und ein New Yorker ist Mike Nichols, wie er sich später nannte, geblieben, auch wenn er mit den bedeutendsten Schauspielern Hollywoods drehte. Alles, was auf den ersten Blick wie ein vernünftiges Ordnungsprinzip aussieht, sei es bürokratischer, geschlechtlicher, politischer oder professioneller Art, weckte sein Misstrauen. Fast immer zu Recht und mit komischem Resultat. Nun ist Mike Nichols in New York gestorben. Seine Nachfolger sind jetzt allein mit der Aufgabe, den Komplexitätsgrad amerikanischer Filmsatiren auf seinem Niveau zu halten.

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